Gespräch über die Philosophie der Lebenskunst

RADIO BREMEN – Geist und Zeit

Aufnahmedatum 25. Januar 1999

Sendedatum: 13. Februar 1999

Printpublikation:

Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt vom 16. April 1999

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Der Berliner Philosoph Wilhelm Schmid, Autor des Buches "Philosophie der Lebenskunst", (Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, Frankfurt/ Main 1998, 29.80 DM) im Gespräch mit Ulrike Gropp

 

 

Ulrike Gropp:

Zum Beginn ein Rätsel, das Sie, Herr Schmid, bestimmt ganz leicht zu lösen finden: "Das Material, mit dem die Künstler dieser Disziplin arbeiten, ist kein Marmorblock, keine Leinwand, kein Notenblatt – und doch handelt es sich um ein Material, das von allen Künsten bearbeitet wird."- Um welches Material handelt es sich denn?

Wilhelm Schmid:

Das Material, das erraten werden soll, ist das Material des Lebens. Und es ist ziemlich schwierig, diese Material des Lebens zu beschreiben, weil das nicht immer so handfest ist wie ein Marmorblock. Sondern das sind Erfahrungen, Gefühle, Ideen, Lieben, Leidenschaften, ein kunterbuntes Durcheinander, ein Chaos, kann man sagen – und Lebenskunst besteht darin, mit diesem Chaos zu leben.

Nicht umsonst haben Sie Ihr Buch einem zeitgenössischen Gemälde gewidmet. Die Interpretation eines Bildes steht quasi im Zentrum Ihres Versuchs, bildet den Hintergrund, vor dem Sie Ihre Philosophie der Lebenskunst formulieren. Wie kam es dazu? Und weshalb haben Sie gerade dieses Gemälde ausgewählt?

WS: Da sitzt ein Mann auf dem Bettrand und hinter ihm liegt eine halbnackte Frau – ein Bild, das der amerikanische Maler Edward Hoppper 1959 gemalt hat. Das Bild für sich ist schon sehr schön, aber erstaunlich ist der Titel, denn der lautet "Exkursion in die Philosophie". Dieses Bild steht nicht von ungefähr in diesem Buch, das ist nicht nur deswegen, weil es dem Buch vielleicht ein Thema, einen roten Faden gibt. Sondern es war die Situation, die mich zur Lebenskunst geführt hat – und die habe ich in diesem Bild abgebildet gefunden und deswegen wollte ich das in diesem Buch haben.

Die Frage: "Wie kann ich mein Leben führen?" hat in der Fachphilosphie lange Zeit keinen Platz gehabt. Seit wann und warum ist das denn so?

WS: Als ich der Geschichte dieser Thematik nachgegangen bin, um mich zu orientieren, habe ich festgestellt, daß das Thema Lebenskunst in der Antike ein manifestes Thema der Philosophie war, man kann vielleicht soweit gehen zu sagen: sie war das Thema der Philosophie. Etwas davon hat sich immer durch die Jahrhunderte hindurch gehalten; auch in den Zeiten, in denen christliche Philosophen dominierend waren in Europa, spielt diese Frage nach Lebenskunst eine sehr große Rolle, wenn auch unter christlichen Vorzeichen. Und noch im 18. Jahrhundert zu meinem Erstaunen findet man enorm viele Philosophen, die sich über Lebenskunst äußern und das auch so nennen. Am Ende des 18. Jahrhunderts haben wir einen sehr großen deutschen Philosophen, der mit dieser Frage noch immer zu tun hat – aber danach bricht der Faden dann ab.

Sie meinen, man hat sich im 20. Jahrhundert mit dieser Frage bisher nicht in der notwendigen Intensität und mit der notwendigen Freiheit Gedanken machen können?

WS: Das kann man mit Sicherheit so sagen, bereits im 19. Jahrhundert beginnt diese Entwicklung, daß eine sogenannte Schulphilosophie entsteht, die sich um solche Fragestellungen überhaupt keinen Kopf mehr macht, sondern beschäftigt ist mit Wissenschaft und wissenschaftlich begründeter Moral. Und im 20. Jahrhundert kannte man lange Zeit überhaupt nichts anderes mehr als nur theoretische Philosophie. In den 70er Jahren mußte es zu einer Rehabilitierung der praktischen Philosophie kommen – und nun sind wir an dem Punkt, wo es zur Rehabilitierung von Lebenskunst kommen kann.

Und weshalb kann diese Tendenz zur Theorie, zur Abstraktion, die Sie eben mit dem Begriff "Schulphilosophie" benannt haben, auch in der akademischen Philosophie der Gegenwart, die in der Öffentlichkeit kaum noch debattiert werden kann, festgestellt werden – und wieso kann das vielleicht so nicht weiter gehen? Was sind die Gründe für die notwendige Renaissance der Lebenskunst?

WS: In der akademischen Philosophie geht es natürlich schon so weiter wie bisher, die ist autark, die lebt für sich, die macht sich unter Umständen wenig Gedanken darüber, daß sie möglicherweise die Unterstützung der Gesellschaft braucht, um ihre Stellen überhaupt zu finanzieren. Das geht auf jeden Fall weiter. Aber zugleich kann man feststellen, daß in der Öffentlichkeit tatsächlich die Fragestellung nach der Lebenskunst neu aufbricht und mir scheint, daß es dafür klare Gründe gibt. Wir sind an einem Punkt in der Moderne angelangt, wo wir unglaublich viele Möglichkeiten haben, was man machen kann mit dem Leben, auf der anderen Seite sind andere Dinge verstellt. Ständig kommen neue technische Herausforderungen dazu. Wir haben gelernt, daß immer mehr Technik und immer mehr Wissenschaft uns keineswegs glücklicher macht, sondern daß wir Lebenskunst brauchen, um mit einer solchen wissenschaftlich-technischen Welt überhaupt fertig zu werden.

Wenn wir heute von Lebenskünstlern sprechen, dann meinen wir meist Menschen, die sich elegant oder auch pfiffig über die Widrigkeiten des Lebens hinwegsetzen. Oder man denkt dann an Lifestyle, an Moden, an Design, an Zigarettenmarken und Cognac – das alles haben Sie ja wohl nicht im Sinn, wenn Sie an die große philosophische Tradition der "Ars Vivendi", wie es im Lateinischen heißt, also der Lebenskunst, anknüpfen.

WS: Ich habe mich bisher auch gescheut, den Begriff "Lebenskünstler" zu gebrauchen. Aber das wird sich auf Dauer nicht halten lassen. Sinnvoll wäre, den Begriff eben so zu verändern, daß er wieder Sinn gewinnt und nicht mehr nur darin besteht, das Leben leicht zu nehmen und alles nur zu genießen. So schön das ist, das Leben leicht zu nehmen und zu genießen, doch daraus allein besteht das Leben nicht. Da gibt es auch schlimme Erfahrungen und schmerzliche Dinge und die Lebenserfahrung zeigt, daß gerade die schmerzlichen Dinge einen möglicherweise viel intensiver mit dem Leben in Verbindung bringen als andere.

Welches sind denn die Eckpunkte, an denen eine Philosophie der Lebenskunst, so, wie Sie sie sich vorstellen, greifen kann.

WS: Der wichtigste Eckpunkt dürfte sein, sich klarzumachen, daß das Leben endlich ist, jedenfalls bis auf weitere Zeit ist das noch so, vielleicht werden Technik und Wissenschaft auch dies noch in irgendeiner Weise manipulieren. Das Leben ist endlich, und wir bringen offenkundig zu viele Jahre damit zu, uns über diese Endlichkeit keine Rechenschaft abzulegen. Sodaß wir dann irgendwann – bei vielen Leuten fängt das so um die 40 herum an – sodaß wir dann plötzlich realisieren, daß dieses Leben nur noch einen begrenzten Horizont vor sich hat, auch wenn man noch einen unbestimmten Zeitraum vor sich hat. Und dann kommt die große Reue: "Hätte ich doch dies gemacht, hätte ich doch jenes aus meinem Leben gemacht!" – Lebenskunst sollte dazu da sein, sich selbst sehr früh daran zu erinnern und sehr viel nachhaltiger daran zu arbeiten, die Träume zu verwirklichen, die man sich vorgenommen hat für sein Leben.

Sie haben Ihr Buch "Philosophie der Lebenskunst" genannt; wie steht es denn um die Philosophie des Sterbens und des Todes?

WS: Zur Lebenskunst – im Lateinischen Ars Vivendi – gehören zwei Grundbestandteile, das ist die Kunst des Liebens, Ars Amandi, und die Kunst des Sterbens, Ars Moriendi. Das war damals so – und daran hat sich heute in diesem Punkt nicht sehr viel geändert. Natürlich gehört es zu einer Lebenskunst, mit Tod umzugehen und ich versuche in dem Buch, einige Möglichkeiten dazu aufzuzeigen. Wie ich überhaupt versuche, Möglichkeiten aufzuzeigen und nicht zu sagen: "Dies oder das allein ist Lebenskunst!" Und eine Möglichkeit, mit dem Tod umzugehen und eine Kunst im Umgang damit zu entwickeln, ist, sich mit dem Gedanken stärker zu konfrontieren und möglicherweise auch noch stärker sich mit der Realität zu konfrontieren, indem man nicht mehr fortläuft vor sterbenden Menschen, sondern sich an ihre Seite stellt und ihre Hand hält und in gewisser Weise mit ihnen mitstirbt. Wer diese Erfahrung einmal mitgemacht hat, der wird keine so große Angst mehr vor dem Tod haben.

Nun sind wir ja im Alltag, auch aufgrund der allgegenwärtigen Medien, doch sehr häufig mit dem Tod konfrontiert – aber wohl nicht in der Form, von der Sie glauben, daß sie uns den Umgang mit dem Sterben erleichtert oder uns dies lernen läßt. Glauben Sie nicht, daß die Menschen heute doch sehr viel mehr mit dem Tod zu tun haben, als man allgemeinhin annimmt.

WS. Mir scheint, daß wir nicht im geringsten mit dem Tod zu tun haben, es finden keine Leichenzüge mehr statt durch die Stadt, wie das früher der Fall war, wenn jemand gestorben ist, der Tod findet anonym statt, an Orten, an die wir normalerweise nicht kommen, im Krankenhaus vorzugsweise zu einem sehr hohen Prozentsatz. Ich habe versucht selbst, da ich unzufrieden war mit dieser gesellschaftlichen Situation, was meinen kleinen Part betrifft, da vielleicht für eine Veränderung zu sorgen und habe die Einladung in ein Krankenhaus angenommen und hatte dort mit sterbenden Menschen zu tun, um mit ihnen zu sprechen.

Können Sie sich vorstellen, daß das, was ein Krankenhausseelsorger früher gemacht hat, zukünftig von einem Krankenhausphilosophen getan werden könnte, Gesprächspartner zu sein?

WS: Nicht als Ersatz für den christlichen, den kirchlichen Seelsorger, aber als Ergänzung dazu, mit Sicherheit, das zeichnet sich deutlich ab nach diesen Erfahrungen im Krankenhaus, die so erfreulich waren, daß wir sie fortsetzen werden. Dort existiert auch ein Krankenhausseelsorger. Doch die verblüffende Erfahrung war, daß sehr viele Menschen, ich möchte sagen, fast 80%, in Zweifelsfällen eher nach dem philosophischen Seelsorger rufen, warum, das weiß ich nicht so genau. Grundsätzlich kann man sagen, daß das Christentum die Seelsorge nicht erfunden hat, sondern daß das Christentum damals in antiker Zeit die Seelsorge von der Philosophie übernommen hatte, die Philosophen waren also die Ersten gewesen, die diese Sache, für die Seele zu sorgen, für die eigene und die von anderen, erfunden haben.

Wie kann man sich die konkrete Tätigkeit eines Krankenhausphilosophen denn vorstellen?

WS: Philosophie erscheint in der Situation als das, was sie, glaube ich, eigentlich ist, nämlich ganz schlicht ein Innehalten und Nachdenken. Und es ist richtig, daß in dieser Situation des Krankenhauses das Umfeld förderlich ist, um innezuhalten und nachzudenken. Denn man kann ja sonst sowieso nichts anderes tun in dieser Situation. Und das betrifft nun beinahe alle im Krankenhaus. Das wichtigste Medium war das Gespräch, ein anderes wichtiges Medium waren Vorträge und Seminare, und von vielen habe ich dann gehört, daß dies "geistige Nahrung" sei. In der Situation, in der sie nun nichts tun können im Sinne unserer Gesellschaft, immer etwas zu tun, immer aktiv zu sein, sondern passiv sein müssen, kommt nun das Nachdenken über größere Zusammenhänge, damit man den eigenen Ort in diesen Zusammenhängen wieder finden kann. Das Gespräch von Mensch zu Mensch schien mir manchmal so zu sein, daß es als bloße Tatsache schon Wunder bewirkt, die bloße Tatsache, miteinander zu sprechen, das mußte gar kein bestimmtes Ziel haben. Das ist ja vielleicht auch das Erfreuliche am philosophischen Gespräch, man hat es nicht mit einem bestimmten Techniker zu tun, auch nicht mit einem Techniker der Seele, der Philosoph hat auch keine festen Begriffe, keine festen Normen im Sinn, da kann man wirklich frei miteinander sprechen und das haben viele offenkundig sehr genossen.

In einer Zeit, in der es im Krankenhaus offenkundig immer häufiger auch um die Grenzen des Machbaren, des technisch Machbaren geht, um medizinethische Fragen, sind da nicht – neben den Patienten - auch die anderen Menschen eine Klientel für einen Krankenhausphilosphen?

WS: Das war nicht begrenzt auf die Patienten, das erstreckte sich auch auf das Personal, auf die Ärzte und Chefärzte. Auch das waren Gesprächspartner, die entweder zu mir gekommen sind oder ich zu ihnen. Ich bin auch einmal mit in einen OP-Saal gegangen, und war stundenlang bei einer schwierigen Operation dabei, um all das kennenzulernen. Und mir schien, daß besonders die Ärzte heilfroh waren, einen Philosophen dazuhaben, mit dem sie verschiedene Dinge erörtern können, an die sie mit ihrer Technik nun nicht mehr herankommen. Denn Technik ist eben auch in der Medizin nicht alles, ganz im Gegenteil, die zwei Wochen haben mich darüber belehrt, daß das, was in einem Krankenhaus heilt, nicht unbedingt primär die Medizin ist. Und das sehen die Ärzte dort genauso. Sondern die seelische Verfassung von Menschen. Und daß man dann letzten Endes, um sie wirklich zu heilen, eben nicht mehr nur die Technik braucht, sondern auch die entsprechende seelische Zuwendung, die zum Teil von Psychologen kommt, und überhaupt auch vom Personal, von den Krankenschwestern und Helfern, die sich alle Mühe geben. Aber ein weiterer Partner bei dieser Arbeit kann dann eben der Philosoph sein.

Ein Vorwurf, Herr Schmid, der die Philosophie der Lebenskunst gelegentlich trifft, lautet ja, sie maße sich an, zu bestimmen, was gut und was schlecht für den Einzelnen sei. Sie scheuen sich auch überhaupt nicht, vom Guten oder Schlechten oder Wahren zu sprechen – das sind ja Kategorien, die Philosophen heutzutage sich kaum noch in den Mund zu nehmen trauen. Wie steht es denn um Ihr Verhältnis zur akademischen Philosophie?

WS. Ja, dieser Vorwurf kommt aus Frankfurt, aber da hat man sich noch nicht intensiv genug mit dieser Sache beschäftigt, das wird man sicherlich noch nachholen die nächsten Jahre. Es ist nicht so, daß der Philosoph, der sich über solche Dinge, "gut" und "schlecht", "schön" vor allem – das ist ein wichtiger Begriff, das Schöne, und das "erfüllte Leben" – der sich also über solche Dinge Gedanken macht, daß er damit etwas bestimmt. Er definiert diese Begriffe und bietet diese Definition an, jeder ist frei, dieser Definition dann zuzustimmen, etwa der des "schönen Lebens": Ich denke, daß man das definieren kann als ein "bejahenswertes Leben", jeder ist frei, dazu seine eigene Haltung zu finden. Und zum anderen geht es dabei nur um Begriffe. Ein anderes Problem ist es dann, festzulegen, was "Lebenskunst" denn ist. Und da kann man heute natürlich nicht mehr dazu übergehen, wie das in früheren Zeiten der Fall war, in der Antike und auch noch im 18. Jahrhundert, präzise zu sagen, "Nur dann, wenn Du dies und jenes tust, hast Du Lebenskunst"; das geht heute nicht mehr. Wir sind moderne Menschen, jeder hält sehr viel auf seine Autonomie, und zwar zurecht; dann aber kann Lebenskunst nicht mehr normativ auftreten, sondern nur noch optativ, das heißt, Möglichkeiten aufzeigend und es dem einzelnen überlassend, was er aus diesen Möglichkeiten auswählt.

Es ist ja möglich, daß die "Kunst des Lebens" dem sehr oberflächlichen Blick als etwas sehr leichtes und Einfaches erscheint, so daß es wie beim Blick auf manche Werke der modernen Kunst manchmal vielleicht zu der Aussage verleitet: "Das kann ich auch". Doch wie ist das denn in Wirklichkeit?

WS. In aller Regel bedeutet "Kunst des Lebens" doch, das zu tun, was man nicht von Natur aus, selbst und ganz leicht beherrscht. Vor allem in moderner Zeit ist das so, früher konnte man vielleicht noch sagen, die Natur bringt den Menschen bei, zu leben. Aber wir wissen heute ja nicht mal mehr, was Natur ist, sondern wir müssen mit einer Fülle von wissenschaftlichen und technischen Dingen zurecht kommen, für die wir nicht von vorneherein ausgebildet sind. Ich will nur ein Beispiel nennen: Die Moderne hat es sich angelegen sein lassen, viele Möglichkeiten der Wahl auszuarbeiten, aber wenn man auf die Suche geht in der Philosophie, was eine Wahl überhaupt ist, dann wird man nicht fündig werden. Es gibt keine Ausarbeitungen über die Wahl. Was sie ist, was ihr Begriff ist und wie man, wenn man sie treffen will, sinnvollerweise vorgeht, welche Schritte da wichtig sind. Ich habe versucht, diese Lücke zu füllen. Und das ganze Zentrum dieses Buches dreht sich nur um diese Frage der Wahl. Darauf, glaube ich, läßt sich heute nicht sehr gut verzichten.

Kann man Lebenskunst denn lernen? Ich spiele damit darauf an, daß Sie mir bei unserer Vorbesprechung berichtet haben, daß Sie jetzt auch in Schulen, mit jungen Leuten, über Philosophie und auch über Ihre "Philosophie der Lebenskunst" sprechen – und wie es scheint, mit nicht geringem Erfolg.

WS. Ja, der Zuspruch ist groß. Ich war neulich in einem Gymnasium in Südthüringen, und mir schien, daß die jungen Leute, es waren die Abiturklassen, sehr stark angesprochen waren, weil sie sich von diesem Ansatz ernster genommen fühlen als von herkömmlichen Moralen oder Ethiken, die immer darin bestehen, den Zeigefinger zu heben und ihnen zu sagen, was sie zu tun haben. Das hören die aber nicht gerne, sondern sie gehen von sich selbst aus, vielleicht naiverweise, denn sie werden im Laufe der Zeit feststellen, daß eben doch sehr viel von anderen abhängig ist. Aber so kann man vorgehen und letzen Endes Lebenskunst lernen. Ob man sie auch lehren kann, darin besteht vielleicht der Zweifel. Man kann aber all die Ingredenzien zur Verfügung stellen, die man braucht, um sie zu erlernen.

Was sind denn diese Bestandteile oder diese Zutaten, die ein Mensch braucht, um die Lebenskunst zu erlernen?

WS: Das sind die Grundbestandteile, die ich in meinem Buch zu entfalten versuche, Grundbestandteile, von denen ich glaube, daß sie für jede mögliche Lebenskunst zutreffen, egal, wie sie dann inhaltlich bestimmt ist, zum Beispiel: In jedem Leben werden wir mit dem Problem der Macht zu tun haben, mit Machtbeziehungen zwischen Menschen. Gut, man kann natürlich leugnen, daß so etwas eine Rolle spielt zwischen Menschen, aber dadurch hört die Tatsache ja nicht auf. Man kann auch versuchen, Macht abzuschaffen, aber alle Versuche, die darauf abzielten, liefen bisher darauf hinaus, daß die Macht um so vehementer zurückgekehrt ist. Also sinnvoller erscheint es mir für eine Lebenskunst, sich mit dieser Frage der Macht zu befassen – und zwar nicht nur einseitig, also nicht nur die Frage zu stellen: "Welche Macht wird von außen über mich ausgeübt?" Diese Frage ist uns durchaus vertraut und wir ärgern uns über die äußere Machtausübung. Sondern vielmehr die Frage zu stellen, selbstkritisch: "Welche Macht übe ich denn über andere aus?"

Sie haben ja den Begriff "Selbstmächtigkeit" an zentraler Stelle in Ihrem Buch verwendet. Können Sie dies erläutern?

WS: Das meint "Macht über sich selbst", und zwar Macht, nicht Herrschaft. Herrschaft wäre die totale Dominanz seiner selbst, wenn zum Beispiel das Denken total die Gefühle dominieren würde. Das ist kein sinnvolles Modell für eine Lebenskunst. Sinnvoller ist es, Macht über sich auszuüben, in gewisser Weise also eine Führung durch das Denken, eine Führung, die aber nie so weit geht, die Gefühle zu eliminieren, um nur dieses Beispiel zu nennen. Deshalb muß auch eine Schiedsinstanz da sein, das kann das Denken sein. Diese Selbstmächtigkeit erscheint mir deswegen so wichtig, weil, wenn diese nicht gegeben ist, wenn diese Macht über sich selbst nicht in einem Mindestmaß vorhanden ist, dann haben Mächte von außen sehr viel größere Zugriffsmöglichkeit auf mich, als wenn ich selbst mit mir klarkomme.

Das spielt ja an auf den Gedanken, der schon in der griechischen Philosophie, in der Stoa, sehr wichtig war, die Sorge für sich selbst zu betonen? Würden Sie denn sagen, daß Konzepte aus der Antike heute wirklich noch verwendbar sind, vor dem Hintergrund all dessen, was die Menschheit schon erfahren und erlebt hat?

WS: Solche Konzepte wie jenes der "Sorge um sich selbst" ja, diese ist unabdingbar, aber genau in dem Sinne, wie das ursprünglich auch gedacht war – übrigens bei Sokrates, nämlich, daß die Sorge für sich selbst klugerweise auch sofort eine Sorge für andere ist. Denn kein Selbst lebt für sich allein. Und daß diese "Sorge um sich selbst" schließlich in der nächsten Weiterung eine Sorge um die Gesellschaft ist, da niemand ohne Gesellschaft leben kann. Diese "Sorge für sich selbst" darf also niemals als eine egoistische Sorge verstanden werden. Das kann man treiben, niemand kann es verbieten, aber unter dem Aspekt der Lebenskunst ist es nicht klug, so zu verfahren.

Sie haben das Jahr 1989 sehr aufmerksam erlebt, und Sie haben an anderer Stelle davon gesprochen, daß dieses Jahr für Ihr Denken und Ihre Existenz ein absolut einschneidendes Erlebnis war. Sie haben auch 1993 einen Essay veröffentlicht: "Was geht uns Deutschland an?". Können Sie etwas näher beschreiben, was dieses Jahr 1989 für einen Berliner Philosophen bedeutete – und in welcher Weise dieses Erlebnis Ihr Denken beeinflußt hat.

WS: Ich hatte von dem französischen Philosophen Michel Foucault gelernt, daß Philosophie sich auch mit gesellschaftlichen Fragen befassen sollte und an Geschichte teilhaben sollte. Als am 9. November 1989 nur wenige hundert Meter von mir entfernt die Mauer gefallen ist, so sagte man das metaphorisch, jedenfalls aber überwindbar geworden war, ging ich dort hin und gehörte zu den ersten Hundert, die am Brandenburger Tor über die Mauer gegangen sind, und ich ging dann die ganze Nacht Unter den Linden auf und ab, nur um darüber nachzudenken, was dieses Ereignis nun für mich bedeutet. Über die historische Bedeutung war ich mir von vorneherein vollkommen im Klaren. Aber für mich sollte das bedeuten, meinte ich, daß ich nicht mehr weiter in Westdeutschland oder genauer in Westberlin arbeite, sondern in Ostdeutschland, das ließ sich innerhalb weniger Monate bewerkstelligen. Und die weitere Idee war, künftighin auch in Osteuropa zu arbeiten. Da war ich auf eine Einladung angewiesen, die dann aber letzten Endes kam, sodaß ich seit 1992 als Gastdozent des Deutschen Akademischen Austauschdienstes an der Universität in Riga tätig bin. Das war mein Anliegen von vorneherein, daß dieses Buch, an dem ich damals zu arbeiten anfing, die "Philosophie der Lebenskunst", herauswachsen sollte aus einer gesellschaftlichen Situation, die nicht die verwöhnte des Westens ist, sondern die existentiellere, so möchte ich sie nennen, des Ostens. Die Grundfrage war: Wie baut man denn eine Gesellschaft, wenn gar keine mehr vorhanden ist? Wir entrüsten uns manchmal über bestimmte Dinge in unserer Gesellschaft, weil sie nicht so funktionieren, wie sie dies sollen, aber wir sollten uns dabei bewußt sein, daß wir wenigstens eine Gesellschaft haben, an der wir dann modifizieren können. Die Menschen dort haben das Problem, keine Gesellschaft mehr zu haben und ratlos zu sein, wie man sie denn baut. Und ich hoffe, daß in diesem Buch einige Bausteine zu finden sind, namentlich der Baustein, der da heißt "kritisches, bewußtes Individuum", ein Individuum, das nicht nur für sich lebt, sondern sich dafür interessiert, in Gesellschaft zu leben, und das seinen kleinen Teil dazu beiträgt, an welcher Stelle auch immer, daß Gesellschaft zustande kommt.

Daß ein zeitgenössisches philosophisches Fachbuch gut ein halbes Jahr nach seiner Erstveröffentlichung nun bald in die dritte Auflage geht, ist ja eher ungewöhnlich. Worin sehen Sie denn – wenn ich Ihnen die Frage stellen darf – die Ursache dafür?

WS: Ich habe mich bemüht, das Thema für ein breiteres Publikum aufzubereiten und bin außerordentlich glücklich darüber, daß das nun tatsächlich Anklang findet. Ich denke, daß die akademische Philosophie darauf irgendwann reagieren sollte, und dieses Thema "Lebenskunst" auch wieder in ihre heiligen Hallen einlassen sollte.

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