ND-Denkzettel

Publiziert in: Neues Deutschland,

3. Juni 2000

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Weltsicht

 

Für welchen höheren Sinn lebt der Mensch?

Für den, den er sich selbst gibt. In meinen Augen: Das Leben auf der Erde in seiner ganzen Fülle geniessen und die Erde als kosmische Wohnung des Menschen zu begreifen.

 

Was finden Sie liebenswert an diesem Jahrhundert?

Am 20.: Dass es sehr viel Befreiung mit sich gebracht hat.

Am 21.: Dass es uns die Arbeit an den Formen der Freiheit abverlangen wird und uns aufs Neue konfrontiert mit der Tragik unaufhebbarer Widersprüche.

 

Sie stehen einer Weltregierung vor: Was würden Sie sofort abschaffen?

Die Weltregierung. Eine solche Zentrierung von Macht gilt es unter allen Umständen zu verhindern. Sie könnte in nie gesehenem Ausmaß totalitär werden.

 

Was ist links?

Das frage ich mich auch. Allenfalls eine Akzentsetzung, eine Bereitschaft, sich immer wieder an der Verbesserung von Verhältnissen zu versuchen, zur Realisierung von Menschenwürde, sozialer Gerechtigkeit, ökologischer Bewahrung. Aber „Bewahrung“ ist eigentlich konservativ, also „rechts“, also schlecht?

 

 

Weltreise

 

Welches ist Ihr liebster Platz auf der Welt? 

Der Biergarten Loretta am Wannsee. Überhaupt Berlin, Stadt meiner Träume, meiner Wahl, die ich liebe, seit ich hier bin, seit 1980, mit all ihren Metamorphosen.

 

Mit welchen drei Begriffen charakterisieren Sie Deutschland? 

Verwöhntes Kind, erstaunlich kreativ und intelligent, schönes Gesicht mit abgründigem Blick.

 

Was ist für Sie Heimat? 

Mein kleines Dorf in Bayerisch-Schwaben zwischen idyllischen Hügeln, das ich als Kind nie verlassen wollte. Einen solchen festen Ort zu haben, ist hilfreich fürs Leben.

 

Welches ist das Ziel Ihrer Traumreise?

Usedom. Diese Traumreise mache ich jedes Jahr. Unter Kiefern im weissen Sand am blauen Meer. Einfach nur da sein und nachdenken – was gibt es Schöneres!

 

 

Weltschmerz

 

Wovor haben Sie Angst? 

Vor Gewittern. Und vor neuen Herausforderungen. Aber man gewöhnt sich an alles.

 

Wann haben Sie zuletzt geweint? 

Als mein Vater starb.

 

Was trauen Sie der Menschheit nicht mehr zu? 

Ich traue ihr alles zu. Immer. Im Guten wie im Schlechten. Schade nur, wenn dieses wahnsinnige Tier Mensch sich vorzeitig selbst ein Ende setzt, am ehesten wohl durch schleichende ökologische Selbstzerstörung.

 

Was empfinden Sie als Verrat? 

Kaum etwas. Schlimm ist nur, wenn eine Abmachung auf krasse Weise nicht eingehalten wird.

 

 

Weltkunst

 

Welcher literarische Held steht Ihnen am nächsten? Warum? 

Ulrich in Musils „Mann ohne Eigenschaften“. Weil er ein Mensch ist, der die Moderne in sich austrägt, dieses größte und widersprüchlichste Experiment, das es je auf diesem Planeten gab.

 

Welches Kunstwerk haben Sie nie verstanden? 

Ich bin nicht sicher, ob es bei Kunstwerken aufs Verstehen ankommt. Aber man kann ein Verständnis hineinlegen, um es dann herauszulesen. Und das geht immer.

 

Wie beschreiben Sie Lebenskünstler? 

Die sich nicht aufs Gelingen fixieren. Die nicht nur Misserfolge, sondern auch noch Erfolge wegstecken. Die mit Widersprüchen leben und starke Beziehungen zu Anderen knüpfen, in deren Netz es sich leben lässt. Die wissen, dass ihr Leben eine Grenze hat und die nicht nur hier und nicht nur jetzt leben.

 

Welche Kunst würden Sie gern beherrschen? 

Klavierspielen.

 

 

Weltwunder

 

Worüber wundern Sie sich?

 Über das Leben überhaupt und über die Existenz des Menschen auf diesem einsamen schönen Planeten in der unendlichen Schwärze des Alls.

 

Was müsste unbedingt erfunden werden?

Interplanetare und interstellare Reisen zu erschwinglichen Preisen.

 

Was ist an Ihnen bewundernswert?

Vielleicht ein wenig die Leidenschaft fürs Leben in all seinen Facetten und Banalitäten.

 

Apropos Wunder. Was ist ein wunder Punkt bei Ihnen?

Die regelmäßigen Abstürze ins Abgründige, ins Nichts.

 

 

Weltbürger

 

Welchen Zeitgenossen würden Sie für Verdienste um die Menschheit auszeichnen?

Tante Emma an der Ecke, die immer ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte ihrer Mitmenschen hat. Ein offenes Ohr ist schon die halbe Heilung.

 

Finden Sie Marx überholt?

Restlos. Es fehlt das Individuum, die Ethik, das Existenzielle, die Ökologie. Völlige Fixierung auf die Ökonomie und das Privateigentum, das nur materiell verstanden wird und von dessen Abschaffung die Lösung der Probleme der Welt erwartet wird.

 

Sind Sie für Geburtenkontrolle?

Ich bin für die Verbesserung von Lebensverhältnissen. Dann regulieren sich die Geburten von selbst.

 

Mit welcher Persönlichkeit der Geschichte würden Sie gern in Briefwechsel treten?

Mit Aspasia, der ersten Philosophin, Lehrerin des Sokrates. Ich hätte einige Fragen zu ihrer Philosophie der Erotik.

 

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