Suche nach dem Sinn

Jeden Herbst kommt für zwei Wochen ein Philosoph ins

Spital Affoltern. Was macht er da?

Publiziert in: Neue Züricher Zeitung, Folio-Beilage

Januar 2002

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"Kannst du dich darum kümmern? Wir sind im Moment überlastet!" Normale Erfahrung am Spital: Wer hier ist, wird automatisch in den Betrieb hineingezogen, wird geradezu aufgesogen von ihm, Bedarf gibt es immer, auch ein Philosoph ist brauchbar. Die Therapeuten tun, was sie können, aber sie können nicht überall sein, und zu meinem Tätigkeitsfeld gehören neben Vorträgen, Seminaren, Gruppengesprächen, Arbeitsgruppen ohnehin auch Einzelgespräche. Ich treffe also den jungen Mann, den der Hausarzt vor kurzem eingewiesen hat, "Alkoholprobleme". Wir sitzen uns im Café gegenüber, er ist scheu, da er sich seiner Meinung nach nicht so gut artikulieren kann, er hat keine höhere Schulbildung absolviert, und ich versuche, ihm die Befangenheit zu nehmen, indem ich ihn ermuntere, von sich zu erzählen. Was beschäftigt ihn? Was ging ihm in letzter Zeit durch den Kopf?

Der junge Mann berichtet von seiner Arbeit, von der stupiden Regelmäßigkeit, die ihm zu schaffen macht, und davon, dass er vor wenigen Wochen auf der Autobahn an einer Unfallstelle zu tun hatte – und da lag ein Toter, der doch längst abgeholt sein sollte. Das Bild verfolgte ihn, und als er dachte, er habe das "ganz gut weggesteckt", warf ihn eine merkwürdige Grippe ins Bett. Damit, urteile ich in Gedanken, sind wir wohl schon mitten drin: Die Begegnung mit dem Tod ist es also, die ihn nicht mehr los lässt. Typisch für die moderne Zeit, die den Tod dem Blick aller entzieht, wenn sie schon den Tod selbst noch nicht abzuschaffen vermag... Aber nein, das ist es nicht. Nicht der Tod, bekundet der junge Mann, mache ihm Probleme, er sei sich durchaus darüber im Klaren, dass es den Tod gibt, und er sei nicht sonderlich davon beunruhigt, der Tod mache ihm keine Angst. Womit er aber nicht leben könne, sei die Sinnlosigkeit eines solchen Unfalltodes. Warum musste dieser Mensch sterben? Wofür? Zufälligerweise stießen zwei Autos zusammen, und das war’s!

Was sage ich jetzt? Wenn ich nicht weiter weiß, so meine Erfahrung, ist es am besten, das Gespräch einfach weitergehen zu lassen, noch mehr Geschichten zu hören, Geschichten erschöpfen sich nie. Und philosophische Gespräche müssen nicht zielführend sein, sie können sich im Kreis bewegen, ins Schweigen münden, in Ratlosigkeit enden, das ist so seit Sokrates, und daran hat sich in zweitausend Jahren nicht viel geändert. Während wir hier reden, geschieht "draußen" jedoch erneut Geschichte, die sich wieder in zahllose Einzelgeschichten verzweigt. Viele Menschen sind gerade jetzt sehr bewegt vom "11. September". Hat vielleicht die monströse Tat von New York auch den jungen Mann getroffen?

Seine Augen fließen fast über, so sehr drängen die Tränen aus ihm heraus; es scheint plötzlich, als sei der ganze Körper voll davon. Er presst es zwischen den Lippen hervor: "Diese Sinnlosigkeit!" Er kann nicht verstehen, dass es das gibt, und erst recht kann er es nicht bewältigen. Als er diese Bilder im Fernsehen sah, hat er "nicht mehr gewollt". Statt die Tränen zu weinen, die ihm in den Augen standen, hat er getrunken. Die Lippen zittern. "Die Gefühle sind das Problem." Die Gefühle? Sind es nicht vielmehr die Gedanken, die die Gefühle erst auslösen?

"Die Frage nach dem Sinn", schießt es mir durch den Kopf. Sie begegnet mir häufig bei der Arbeit am Spital. Wer ist eigentlich für ihre Beantwortung "zuständig"? Wer ist dafür da, überhaupt ein Gespräch über diese Frage zu führen, von den möglichen Antworten ganz zu schweigen? Im gesamten Gesundheitswesen gibt es viele Spezialisten – gibt es auch Spezialisten für die Frage nach dem Sinn? Können Philosophen als solche gelten, wenn schon den Theologen eine Antwort darauf von vielen nicht mehr zugetraut wird? Menschen sind mit der Frage nach dem Sinn konfrontiert, wenn sie abgründige Erfahrungen machen, Erfahrungen der Fragwürdigkeit und Sinnlosigkeit oder, was nahezu dasselbe ist, der schieren Unfassbarkeit und Unvorstellbarkeit, subjektiv bezogen auf innere, seelische und existenzielle Abgründe, objektiv bezogen auf äußere, gesellschaftliche oder gar kosmische Abgründe.

Gemeinsam denken wir darüber nach, was das überhaupt sein könnte, "Sinn". Wann sprechen wir davon, dass etwas "Sinn macht", wann davon, dass es keinen macht? Offenkundig dann, wenn wir Zusammenhänge erkennen, wenn also einzelne Begebenheiten oder Erfahrungen nicht isoliert für sich stehen, sondern aufeinander bezogen sind. Sinn ist, wenn Zusammenhänge sichtbar sind und alles ineinander greift. Wenn zwei Menschen handeln, ohne ihr Tun aufeinander abzustimmen, kann das als "sinnlos" empfunden werden. Als "unsinnige" Idee erscheint eine, die keine oder falsche Zusammenhänge herstellt. Und wenn man Zeuge der Folgen eines Unfalls wird, oder einen wahnwitzigen Terrorakt im Fernsehen sieht, ohne erkennen zu können, wie es dazu kam (situative Zusammenhänge), warum das geschehen ist (kausale Zusammenhänge), vor allem aber nicht sehen kann, wozu das gut sein soll, welchem Zweck es dienen könnte (teleologische Zusammenhänge), dann kommt es zwangsläufig zur Erfahrung von Sinnlosigkeit. Gibt diese Erfahrung nun eine Realität wieder oder ist sie nur eingebildet? Gibt es "den Sinn" oder gibt es nur Sinnlosigkeit? Lässt sich die Frage nach Sinn definitiv beantworten?

Wichtig ist, überhaupt zu erkennen, dass genau diese Frage tatsächlich von großer Bedeutung ist, nichts Nebensächliches. Sinn hat offenbar fundierende Bedeutung fürs Leben. Ein Leben, in dem die Erfahrung der Sinnlosigkeit überhand nimmt, da es keine Zusammenhänge mehr kennt, ist auf Dauer wohl kaum lebbar. Gibt es also etwas Wichtigeres als Sinn? Ich frage den jungen Mann, ob er nicht mit Freunden oder Eltern über solche Fragen sprechen kann. Aber die Eltern, so meint er, seien dafür nicht zugänglich, und schon in der Schule sei er von anderen "schief" angesehen worden dafür, solche Fragen überhaupt zu stellen; er galt als "depressiv", als "Weichei", und wer will schon mit so einem Problemfall zu tun haben!

Ist es pathologisch, die Frage nach dem Sinn zu stellen? Eher dürfte es pathologisch sein, sie nicht zu stellen, und dies in einem sehr direkten Sinne: Die nicht gestellte und erst recht die nicht beantwortete Frage kann ein Leiden an Sinnlosigkeit zur Folge haben; das wiederum kann Krankheiten hervortreiben, körperliche und seelische, die zwar mehr oder weniger konventionell zu behandeln sind, deren eigentliche Ursache jedoch weiter wirkt, wenn sie nicht erkannt wird. "Sinn" ist eine unendliche Ressource an Kräften, die, wenn sie versiegt, durch nichts zu ersetzen ist. Nur die Erfahrung von Sinn setzt ausreichende Kräfte für die Bewältigung des gesamten Lebens und einzelner Lebenssituationen frei. Die enorme Bedeutung von Sinn liegt darin, wie ein umfassendes Immunsystem zu wirken, das dem Individuum erlaubt, Schwierigkeiten und Bedrohungen aller Art zu parieren.

Das gilt auch für all die Menschen am Spital, die für andere da sind. Denn die Frage nach dem Sinn bewegt keineswegs nur Patienten, sondern auch diejenigen, die sich (sichtbar) in Medizin und Pflege und (weniger sichtbar) in der Verwaltung und anderen Bereichen um sie kümmern und oft große Belastungen aushalten müssen. In Gesprächsgruppen zu spezifischen Problemen, wie beispielsweise zur "Überbelastung", kommt dies deutlich zum Vorschein. Hier wird der Philosoph zum Moderator, der darauf achtet, dass möglichst alle zu Wort kommen und freimütig sprechen können, quer durch die Arbeitsgebiete und Hierarchieebenen. Die Philosophie wird zum Raum, in dem jeder und jede sich frei bewegen kann, um die Dinge zur Sprache zu bringen, die im gewöhnlichen Alltagsbetrieb keinen Platz haben, etwa: Was ist der "Sinn der Arbeit"? Der Sinn besteht zum Teil darin, Zusammenhänge der eigenen Arbeit im größeren Rahmen zu sehen, in Erfahrung zu bringen, wie die einzelnen Vorgänge im ganzen Haus ineinander greifen, wie die eigene Arbeit wertgeschätzt wird von anderen oder auch nicht. Das bloße Gespräch kann selbst schon eine Antwort auf die Frage nach dem Sinn sein.

Weniger in Gesprächsgruppen, eher in Einzelgesprächen bricht jedoch immer wieder die Frage nach dem Sinn des eigenen Lebens auf. Die Erfahrung des "Ausgebranntseins" ist ein zuverlässiger Indikator für die Dringlichkeit der Frage nach dem Sinn. Wer nicht nur in der Arbeit, sondern im ganzen Leben keinen Sinn mehr sieht, kann sich selbst mit hartnäckigem "Positivdenken" nicht mehr über die eigentliche Leerstelle hinweghelfen. Der Rückzug auf bloßes "Funktionieren" hilft nicht weiter. Wenn es zutrifft, dass Sinn Zusammenhang ist und dass er als solcher Halt vermitteln kann, dann führt die Abwesenheit von Zusammenhängen zwangsläufig zur Erfahrung von Sinn- und Haltlosigkeit. Das Zerbrechen von Beziehungen, in deren Netz vitale Zusammenhänge des Lebens geknüpft sind, verschärft noch die Situation. Dann kommt es zuerst zum Eindruck sinnloser Einzelphänomene, sodann zum Eindruck existenzieller Sinnlosigkeit des gesamten eigenen Lebens, darüber hinaus des menschlichen Lebens überhaupt bis hin zur Erfahrung metaphysischer Sinnlosigkeit.

Die philosophische Arbeit ist keine Form von Therapie, und es kann hier wohl auch nicht ums Therapieren gehen. Wer die Frage nach dem Sinn stellt, ist nicht therapiebedürftig. Der Philosoph ist auch kein Ratgeber, der Menschen zu sagen hätte, was sie zu tun oder zu lassen haben. Er ist ein Gesprächspartner, der zum Nachdenken anregt und mögliche Interpretationen anbietet, um das Leben und die eigene Situation besser zu verstehen. Er kann aufmerksam machen auf offenkundige oder verborgene Zusammenhänge, Begriffe, Grundstrukturen, Bedingungen, die auf das Leben Einfluss nehmen, Möglichkeiten, die noch nicht bedacht wurden. Vielleicht ist er ein "Seelsorger", jedoch einer, der sich und sein Gegenüber zu befähigen versucht, sich um sich und das Eigenste, die Seele, selbst zu sorgen. Einer, der die Möglichkeit aufzeigt, dass Sinn auch darin bestehen kann, in ausreichendem Maße für sich selbst da zu sein, um so die Ressourcen zu schöpfen, wieder für andere da sein zu können. Die Gespräche ermöglichen, sich selbst und vieles andere wie von außen zu sehen und somit relativieren zu können. Die Enge des Alltags wird transzendiert, um von einem Punkt außerhalb seiner selbst auf sich und das eigene Leben zu blicken, das gelebte Leben zu rekapitulieren, dessen Zusammenhänge zu deuten und in Bezug zu einem Verständnis des schönen und wahren Lebens zu setzen, das man gewinnen kann, wenn man nach "dem Sinn" fragt. Was daraus dann wird, liegt in der Hand des jeweiligen Individuums selbst, das seine ganze Existenz ja auch selbst zu verantworten hat.

Was die Philosophie anzubieten hat, ist "geistige Nahrung": In regelmäßigen mittäglichen Vorträgen für das gesamte Haus geht es darum, systematisch und analytisch Zusammenhänge ausfindig zu machen, die den möglichen "Sinn" einzelner Phänomenen besser sehen lassen. Und in abendlichen Seminaren ist eine Form der Begegnung entstanden, bei der die in den Vorträgen exponierten Themen auf die Arbeit im Haus, aber auch auf das eigene Leben bezogen werden können; sehr gerne machen Mitarbeiter aus allen Bereichen des Spitals davon Gebrauch. Beispielsweise indem der Bedeutung von Berührung nachgegangen wird, körperlich, seelisch, geistig, metaphysisch. Die Berührung kann buchstäblich "Sinn machen", indem sie Bindungen, Beziehungen, Zusammenhänge herstellt, bis hin zu einer metaphysischen Dimension, die eine mögliche Antwort auf die Frage nach dem Sinn darstellt. Alle Berührung hat im Grunde "transzendierenden" Charakter und ist in der Lage, den bedrückenden, ausschließlichen Bezug eines Selbst zu sich, der ihm die Luft zu atmen raubt, zu überwinden: Dann muss das Ich sich nicht mehr metaphysisch einsam fühlen, sondern kann sich wieder in Zusammenhänge eingebettet sehen.

Zu den Zusammenhängen kann gehören, die eigene Existenz als Bestandteil einer ganzen Zeit zu erfahren, die man "die Moderne" nennt und die nicht zufällig so geworden ist, wie sie ist. Die Moderne ist eine Realität, die nicht zuletzt von Philosophen, den "Aufklärern", einst entworfen worden ist. Der zentrale Begriff der Moderne, die Freiheit, wurde in diesem Konzept wesentlich als Befreiung verstanden und ist als solche auch real geworden: Befreiung von Bindungen und Beziehungen, die als lästig empfunden werden, Auflösung von traditionellen, konventionellen, metaphysischen Zusammenhängen. Der Zustand, der auf dieser Grundlage entstanden ist, wird allerdings von vielen Menschen mittlerweile als sinnloses "Nichts" empfunden. Immer schärfer treibt die Moderne die Frage nach dem Sinn hervor, da in ihrer wachsenden Komplexität das Leben nur noch unzusammenhängend und fragmentarisch wahrgenommen werden kann. Beim Stichwort der "modernen Zeit" wird mancher Gesprächspartner sehr lebhaft, auch der junge Mann, von dem die Rede war: Überhaupt diese ganze moderne Welt, dieses ständige Rasen, diese Technik, diese Ungewissheit und Einsamkeit, diese menschliche Kälte. Die viel gerühmte moderne Freiheit erfährt er als beängstigend, denn sie ermöglicht auf neue Weise, das Leben zu verfehlen, sich in den von vielfachen Befreiungen eröffneten Möglichkeiten zu verlieren und doch die Verantwortung dafür sich selbst zumessen zu müssen. Diese moderne, schnelllebige, unmoralische Zeit ist seiner Auffassung nach "dem Leben nicht mehr nahe".

Hilft das Gespräch über diese Zusammenhänge dem jungen Mann in seiner Situation weiter? Er wäre, so sagt er, völlig zufrieden, wenigstens einmal im Monat ein solches Gespräch führen zu können. Keine Therapie, nur ein philosophisches Gespräch, um die "tieferen Fragen" zu besprechen, die sich im Leben stellen. Das Gespräch selbst wirkt erleichternd, denn nun tragen schon zwei das, was so schwer erschien, und andere Perspektiven und Wege eröffnen sich, an die zunächst nicht zu denken war. Mithilfe gemeinsamer Deutung und Interpretation ist der "Sinn des Lebens" zu finden, und das ist der Sinn eines intensiven Gesprächs. Ist "alles" sinnlos oder sinnvoll? Das auf neutrale, objektive Weise entscheiden zu können, bedürfte einer Gottesposition, eines absoluten, universellen Überblicks. Das aber ist Menschen nicht gegeben, also dürfte die Frage wohl unentscheidbar sein.

Für die Lebenskunst kommt es weniger auf eine definitive Antwort an als vielmehr auf das Nachdenken darüber, was mit "Sinn" gemeint sein kann und wie dies, wenn es unverzichtbar ist, herzustellen wäre. Sinn lässt sich nicht einfach nur "finden", sondern muss in die Dinge auch hineingelegt werden. Es kommt darauf an, diejenigen Zusammenhänge zu sehen oder herzustellen, die so überzeugend erscheinen, dass man es wagen kann, sein Leben darauf zu bauen: Rekonstruktion des Sinns also, anstatt endlos weiter an seiner Destruktion und "Dekonstruktion" zu arbeiten. Die moderne Zeit bedarf vor allem einer Arbeit am Sinn – eine Arbeit, die keinem System anvertraut werden kann, sondern von einzelnen Individuen selbst zu leisten ist. Eigentlich ein Thema nicht nur für Gespräche am Spital – aber wer nimmt sich schon die Zeit dafür, wenn es nicht existenziell ernst wird!

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