Bürgertum statt Kapitalismus

Publiziert in DIE ZEIT ,"Leben"

15. April 2004

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Endlich eine Stimme, die wieder Mut macht. Gerade jetzt, wo doch die Spitzenvertreter der Kapitalisten offen zum Landesverrat aufrufen. Sagten wir „Kapitalisten“? Ganz richtig, die Zeiten verlangen danach, die Dinge wieder beim Namen zu nennen, als Zeichen neuer Ehrlichkeit. Von „Investoren“ zu sprechen, muss spätestens jetzt als unangemessen verharmlosender Euphemismus gelten. Wer dazu auffordert, massenhaft Produktionsstätten ins Ausland zu verlagern, da dort weitaus mehr Profit zu machen sei, hat eben nur Kapital im Kopf und sonst nichts.

 

Mag die Gesellschaft das starr vor Entsetzen oder abgebrüht gegen Zumutungen aller Art einfach nur hinnehmen, der Ethikrat kann nicht stillschweigend darüber hinweggehen. Als erfreuliches Gegenbeispiel erscheint ihm da ein langjähriger Spitzenvertreter des deutschen Schlagers, der von seinen erworbenen Gütern den Kindern des Landes fortan etwas abgeben will. An ihm ist es, den bewährten ethischen Grundsatz wieder in Erinnerung zu rufen: Frag nicht, was dein Land für dich tun kann, sondern was du für dein Land tust. Ein Grundsatz für Bürger, die sich für die Gesellschaft, in der sie leben, verantwortlich fühlen; kein Grundsatz für Kapitalisten, die die Kuh, die momentan nicht genug Milch hergibt, umstandslos krepieren lassen. Zugegeben, es handelt sich um einen Grundsatz, der auch von etlichen Bürgern nicht mehr so recht beherzigt wird. Aber er eröffnet die Perspektive einer neuerlichen Bindung an ideelle Werte, also einer Ethik, statt einen ethischen Offenbarungseid zu leisten.

 

Hier also ist einer, der ideelle Werte wieder geltend macht, und dies auf die einzig wirksame Weise: sie nicht nur zu proklamieren, sondern zugleich auch selbst zu realisieren. Dass er von seinem löblichen Tun gleich selbst in aller Öffentlichkeit spricht, geht in Ordnung; sonst merkt es ja keiner. Und ideelle Werte leben nun mal davon, auf das Gran Dankbarkeit anderer zu hoffen, das mehr wert ist als noch so viele materielle Güter. Dass Kapitalisten nur in begrenztem Maße ideelle Werte verwirklichen und von all ihren materiellen Gütern doch so wenig zehren können, ist das Problem, mit dem sie selbst fertig werden müssen. Früher oder später beklagen sie die „Sinnlosigkeit“ ihrer Arbeit, dann ihres Lebens, brennen innerlich aus und erfahren in diesem „Burnout“ einen frühen inneren Tod. Wofür sterben sie? Eben, niemand ruft ihnen noch ein Dankeschön hinterher, und sie wissen es im Voraus.

 

Materielle Sinnzusammenhänge sind nun mal weniger ergiebig als ideelle: Eine kluge Regie des Lebens, wer auch immer dahinterstecken mag, hat das so eingerichtet; ein wenig Gerechtigkeit in aller Ungerechtigkeit. Nur dann, wenn für ideelle Werte Sorge getragen wird, kann es auf solider Grundlage auch um materielle Werte, sprich: ums Geldverdienen gehen. Profit zu machen, ist nicht wirklich schlimm; schlimm ist nur, zu keinem anderen Gedanken mehr fähig zu sein. Freilich, auf Ethiker und Philosophen wird in diesen Dingen niemand hören. Daher ist es gut, wenn nun, intellektuell unverdächtig, ein Rockstar vorangeht. Damit diejenigen, die Bürger sein wollen, auch unter verschärften Bedingungen den Mut finden, an einer Gesellschaft arbeiten, die schöner und bejahenswerter erscheint als die gegenwärtige. In großer Zahl gehören zu ihnen all die Unternehmer, die nicht darin aufgehen, nur Kapitalisten zu sein, sondern sich selbst als Teil der Gesellschaft verstehen. Der Weggang der anderen wird daher zu verschmerzen sein.

 

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