Arbeit an sich und der Welt - Das Konzept einer

neuen Lebenskunst

Autor und Sprecher: Professor Wilhelm Schmid

Redaktion: Ralf Caspary

Sendung: Sonntag, 12. Juni 2005, 8.30 Uhr, SWR 2

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Die Freiheit als Befreiung macht eine eigene Lebensführung erst zur Notwendigkeit. Denn das ist die Situation des modernen Individuums: Frei zu sein von religiöser Bindung, denn es ist auf keine Religion mehr festgelegt, auf kein Jenseits mehr vertröstet. Aber die Folge ist, auf kleine und große Lebens- und Sinnfragen nun selbst Antworten finden zu müssen. Frei zu sein von politischer Bindung, denn aufgrund der Befreiung von jeglicher Bevormundung vermag jeder Mensch eigene Würde und Rechte gegen Fremdbestimmung geltend zu machen. Aber mit der Konsequenz, dass die Selbstgesetzgebung (die ”Autonomie” im Wortsinne) sowohl individuell wie auch gesellschaftlich zur ebenso mühsamen wie unumgänglichen Aufgabe wird. Frei zu sein von ökologischer Bindung, denn mit Hilfe von Wissenschaft und Technik gelingt die Befreiung von Vorgaben der Natur und es entstehen neue Lebensmöglichkeiten. Aber damit geht die schmerzliche Erfahrung einher, die eigenen Lebensgrundlagen verletzen zu können, und so käme es darauf an, schon aus Eigeninteresse (sofern da noch eines ist, das so weit reicht) eine ökologische Haltung neu zu begründen. Frei zu sein auch von ökonomischer Bindung, die zunächst noch darin bestand, dass die freie wirtschaftliche Tätigkeit einiger zur Hebung des Wohlstands aller beitragen sollte. Aber die Befreiung davon sorgt für soziale Kosten, deren Bewältigung größte Mühe macht. Frei zu sein schließlich von gemeinschaftlicher Bindung: Das vor allem ist der Befreiungsprozess, der das moderne Individuum erst hervorgetrieben hat, losgelöst aus seinem Eingebundensein in Gemeinschaften, befreit (”emanzipiert”) von erzwungenen Rollenverteilungen, sexuell befreit von überkommenen Moralvorstellungen, befreit überhaupt von Moral und Werten, die als ”überholt” angesehen werden. Anstelle von Gemeinschaft entsteht die Gesellschaft als Zusammenkunft freier Individuen. Alle Formen sozialer Gemeinschaft werden fragmentiert: Die Großfamilie schrumpft zur Kleinfamilie, deren Bruchstücke führen zur Patchworkfamilie und zum Singledasein, bis schließlich nicht nur der ”Individualismus” wirklich wird, sondern auch die Selbsteliminierung des Individuums möglich ist: die letzte ”Befreiung”.

 

Die Befreiung von inneren und äußeren Bindungen und Beziehungen führt zur Erfahrung des ”Nihilismus”. Moderne ist eine Auflösung von Zusammenhängen und somit von Sinn. Aber die Bedeutsamkeit von Zusammenhängen ist in ihrer Abwesenheit am besten zu erkennen. Alles steht auf dem Prüfstand, nichts steht mehr fest. Zweifellos ist das eine missliche Situation. Aber gerade dann, wenn etwas verloren werden kann, stellt sich unabweisbar die Frage: Was ist es eigentlich wert? Was ist das Eigentliche daran? Kann ich darauf verzichten oder nicht? Wie viel bin ich bereit, dafür zu tun? Was ist mir wirklich wichtig? Was brauche ich zum Leben? Mit den Antworten, die darauf gefunden werden, beginnt die Arbeit an einer Wiederherstellung von Zusammenhängen, wenn auch anfänglich noch naiv und unbeholfen.

 

Dramatisch zugespitzt erscheinen die Fragen, wenn es um die Arbeit geht. Die Arbeit ist offenkundig der wunde Punkt der modernen Gesellschaft, Arbeit als Grundlage der Produktion materieller Ressourcen, mit denen der Lebensunterhalt bestritten werden kann. Als zentrales Problem des Lebens in moderner Zeit erscheint, keine Arbeit zu haben. Zwar werden in modernen Gesellschaften des Wohlstands diejenigen, die sich um den Lebensunterhalt nicht selbst bemühen wollen oder können, noch durch ein ”soziales Netz” aufgefangen. Was dabei aber nicht aufgefangen werden kann, ist das damit einhergehende Gefühl einer Enteignung des Lebens durch das Freisein von Arbeit. Der Mensch, der nicht mit eigener Arbeit sein Leben führen kann, läuft Gefahr, dieses Leben nicht mehr als sein eigenes zu erfahren, nicht als ihm zugehörig, sondern abhängig von anonymen Instanzen.

 

Aber selbst demjenigen, der noch auf gewöhnliche Weise seiner Arbeit nachgehen kann, stellt sich in wachsendem Maße das Problem, keinen Bezug zur Arbeit zu haben. Ein Grund dafür kann sein, in äußerst komplexen Arbeitsabläufen die Bedeutung des eigenen Beitrags nicht mehr zu sehen, oder aber der Arbeit selbst keine Bedeutung zuzumessen, sie nur als äußerlichen Job zu betrachten, um Geld zu verdienen und ”getrennt davon bin ich”, eine Abspaltung der Arbeit vom Selbst. Genau in diesen Spalt nistet sich jedoch die Erfahrung von Sinnlosigkeit ein. Wer ohne Sinn lebt, wird zynisch, verachtet die Welt und sich selbst, hasst sich für das, was er tut; eine Art von Selbst-Sabotage.

 

”Was ist der Sinn dessen, was ich mache?” Eine wachsende Zahl von Menschen in der modernen Gesellschaft sieht keinen Sinn mehr in der Arbeit, in allen Bereichen und auf allen Ebenen der Gesellschaft. Die Frage nach dem Sinn wirft über die Arbeit hinaus die Frage nach dem Sinn des eigenen Lebens auf: kein Zusammenhang der Arbeit, keiner zwischen Arbeit und Leben, keiner im Leben. Wer nicht nur in der Arbeit, sondern im ganzen Leben keinen Sinn mehr sieht, kann sich selbst mit hartnäckigem ”Positivdenken” nicht über die eigentliche Leerstelle hinweghelfen. Der Rückzug auf ein bloßes ”Funktionieren” hilft nicht weiter. Wenn es zutrifft, dass Sinn Zusammenhang ist und dass er als solcher Halt zu vermitteln vermag, dann muss die Abwesenheit von Zusammenhängen zwangsläufig zur Erfahrung von Sinn- und Haltlosigkeit führen.

 

Durch Geld ist Sinn nicht zu ersetzen: Materielle Sinn-Zusammenhänge sind weniger ergiebig als ideelle, sie setzen nicht dieselben immensen Energien frei. Wird die Sinnlosigkeit denn nicht verursacht vom Leistungsdruck der modernen Wirtschaft und Gesellschaft, der unerträglich groß geworden ist und die Menschen ruiniert? Aber das zentrale Problem ist nicht, dass der Leistungsdruck wächst, sondern dass die Ressourcen schwinden, ihn auszuhalten. Zu diesen Ressourcen gehört der ”Sinn” an erster Stelle. Nun rächt es sich, dass Gesprächspartner für diese Frage oft fehlen, dass, wer die Sinnfrage stellt, als Problemfall abgetan wird. Meist von Menschen, die nur zu gut ahnen, dass diese Frage in Tiefen führen könnte, die sie lieber nicht kennen lernen wollen.

 

Während Sinn unbegrenzte Kräfte freisetzt, macht Sinnlosigkeit kraftlos, ausgebrannt, krank, und spätestens die Krankheit zwingt nun doch zum Nachdenken. Die Erfahrung des ”Ausgebranntseins” ist ein zuverlässiger Indikator für die Dringlichkeit der Frage nach Sinn. Ein Burnout entsteht dort, wo jeglicher Sinn zerbricht. Das ist insofern problematisch, als ”Sinn” nicht nur die Lebensquelle des Einzelnen, sondern auch der Rückhalt der gesamten Gesellschaft ist; selbst ein ”System” kann auf Dauer nicht ohne Sinn existieren. Das galt für das System des Sozialismus und gilt in gleicher Weise für dasjenige des Kapitalismus. Von heute auf morgen kann die Frage nach Sinn das Leben umstürzen und ganze Systeme zum Einsturz bringen.

 

Sehr viel hängt daher davon ab, ob der Arbeit und dem Leben Sinn gegeben werden kann oder nicht. Wie weit Arbeit, Leben und Sinn auseinander gedriftet sind, verrät die Rede von einer Work-Life-Balance: Arbeit und Leben, harte Arbeit und Lebensgenuss, Beruf und Familie, Sinnloses und Sinnvolles sollen miteinander zu vereinbaren sein. Aber schon vom Begriff her verweist der angestrebte Ausgleich auf das eigentliche Problem, das zugrunde liegt: Weil Arbeit nicht mehr als Bestandteil eines sinnvollen Lebens wahrgenommen werden kann, muss zwangsläufig nach einer ”Balance” beider gesucht werden.

 

Das Problem, und folglich die Lösung, könnte auf Seiten des Begriffs der Arbeit selbst zu finden sein. Denn was ist Arbeit? Die Antwort scheint auf der Hand zu liegen: eine Stelle zu haben und eine Aufgabe gemäß Stellenbeschreibung zu erfüllen, um vom Ertrag leben zu können. Doch das ist nur das in der Industriegesellschaft entstandene moderne Verständnis des Begriffs, dessen Geschichte sich schreiben lässt. Versuchsweise ließe sich der Begriff auch noch anders definieren, und das soll hier nun unternommen werden: Arbeit ist all das, was ich in Bezug auf mich und mein Leben leiste, um ein schönes und bejahenswertes Leben führen zu können. Jede Aufmerksamkeit und jeder Aufwand an Kraft hierfür kann dann Arbeit sein, körperlich, seelisch, geistig. Das bringt Arbeitsfelder in den Blick, die bisher eher missachtet wurden und dennoch von Bedeutung sind.

 

Vorweg die Arbeit an sich selbst um einer Selbstbefreundung willen: Diese Arbeit ist dem jeweiligen Menschen selbst vollkommen zu Eigen, ihr kann er sich ganz und gar widmen, irgendwelche Arbeitslosigkeit ist hier nicht zu erwarten. Und es ist gerade diese Arbeit, die die Voraussetzung für alle weiteren Arbeiten darstellt und sie durchdringt. Sich mit sich zu befreunden erfordert, die widerstreitenden Teile in sich selbst in ein gedeihliches Verhältnis zu bringen, sie im Idealfall zur spannungsvollen Harmonie zusammen zu spannen. Gegensätzliche Seiten können sich trotz allem miteinander befreunden und eine kreative Spannung aus dem Verhältnis zueinander beziehen: etwa das Denken und das Fühlen, der Freiheitsdrang und das Bedürfnis nach Bindung, die männliche und die weibliche Seite in ein und demselben Menschen. Selbstfreundschaft ist dabei nicht etwa ein Selbstzweck, sondern die unverzichtbare Grundlage für die Zuwendung zu anderen. Denn wer zu sich selbst kein sinnvolles Verhältnis hat, kann auch zu anderen keines eingehen; er ist ja viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt.

 

Wer aber mit sich befreundet ist, kann auch anderen ein Freund sein. Selbstfreundschaft ist daher die Grundlage für die weitergehende Arbeit an Freundschaft, die von modernen Menschen bewusst zu leisten ist, um engere Bindungen zu anderen neu zu begründen. Nur in vormodernen Kulturen gehört die Pflege der Freundschaft noch zum Bestand fragloser Selbstverständlichkeiten. Und welche Bedeutung hat doch die Freundschaft fürs Leben! Mit dem wahren Freund können die Gespräche geführt werden, auf die so viel im Leben ankommt: die tieferen Gespräche, in denen es darum geht, das Leben zu deuten und zu interpretieren, Geschehnisse, Begegnungen und Erfahrungen miteinander zu besprechen und Schlüsse daraus zu ziehen.

 

Darüber hinaus ist die Familienarbeit von Bedeutung. Sie besteht darin, die engsten Beziehungen zu pflegen, das schwierige Zusammenleben zu organisieren, die Hausarbeiten zu erledigen, den gemeinsamen Rhythmus fürs Leben zu finden, den familiären Alltag zu bewältigen, Kinder zu erziehen. Zugegeben, vor allem die männliche Seite der Gesellschaft hat hier einen gewissen Nachholbedarf. Aber es führt kein Weg daran vorbei, denn vom Verfall der Beziehungen infolge moderner ”Befreiung” ist die Familie in ihrem Kern getroffen worden. Familie gibt es in dieser Situation nicht mehr aufgrund von Tradition, Konvention oder gar Religion, sondern ausschließlich auf der Grundlage einer freien Wahl der Beteiligten. Für diese Wahl gibt es gute Gründe, insbesondere die Verwirklichung von Werten wie Geborgenheit, Vertrautheit, Liebe, und schließlich die Weitergabe von Leben, die als schön und bejahenswert empfunden werden kann, nicht mehr nur als bloße Konvention und Tradition wie in vormoderner Zeit. Die Mühe, die das Zusammenleben zuweilen macht, wird reich entlohnt: Menschen, die in familiären Bindungen leben, noch dazu mit Kindern, stellen sich in aller Regel die Frage nach dem Sinn des Lebens nicht mehr: Das Leben in Familie und mit Kindern ist der Sinn.

 

Je poröser aber nicht nur die Familie, sondern die gesamte Gesellschaft wird, umso größere Bedeutung gewinnt über die privaten Belange hinaus die Bürgerarbeit, beginnend mit der Gestaltung der Begegnung mit anderen im Alltag. Denn bereits morgens, wenn wir das Haus verlassen, begegnen wir anderen, und niemand kann behaupten, dass es gleichgültig sei, dabei in abweisende Gesichter zu blicken. Machen wir uns auch Gedanken darüber, wie unser eigenes Gesicht für andere aussieht? Das ist die banale, alltägliche Ebene der Bürgerarbeit. Die anspruchsvollere, weniger alltägliche Arbeit ist das Engagement im so genannten ”dritten Sektor” der Gesellschaft, neben Staat und Privatwirtschaft, um soziale Dienste zu leisten und Selbsthilfe zu organisieren, jeder so, wie er kann. Materiell ist dabei wenig zu verdienen, ideell jedoch umso mehr: Es ist erstaunlich, aber Sinn der Arbeit und Lebenssinn lassen sich erfahrungsgemäß vor allem hier erfahren, ausgerechnet bei dieser Arbeit, die schlecht oder überhaupt nicht entlohnt wird. Vielleicht, weil die Freiheit der Arbeit hier am stärksten erfahrbar ist.

 

Ins Blickfeld rückt schließlich auch die Muße als Arbeit, mag auch der bloße Begriff schon als kurios erscheinen. Für moderne Menschen wird es zu einer eigenen Aufgabe, sich vorsätzlich mit dieser Haltung zu befassen, mit der neue Perspektiven zu gewinnen sind: Arbeit ist keineswegs nur ein Tun, sondern ebenso ein Lassen, nicht nur Aktivität, sondern auch Passivität, die in moderner Zeit jedoch vernachlässigt worden ist, so dass der Einzelne nicht mehr zur Besinnung kommt und Zusammenhänge nicht mehr zu sehen vermag. Die Kultur der Moderne legitimiert allein den Aktivismus, ein Handeln um des Handelns willen. Aber es erscheint sinnvoll, sich versuchsweise auch auf einen gelegentlichen Passivismus einzulassen, und sei es nur für eine Stunde oder Viertelstunde jeden Tag; nicht um den Aktivismus abzulösen, sondern um ihn auszubalancieren. Diese Zeiten der Muße werden zu Zeiten des Nachdenkens über den Sinn der Erfahrungen des Tages wie auch ”den Sinn” weit darüber hinaus. Die Muße ist, ergänzend zum tätigen Leben, die geistige Lebensform, in der sich das Denken und schließlich ein anderes Denken entfalten kann, nicht zielorientiert, nicht ”nützlich” im unmittelbaren Sinne. Es ist gerade dieses Denken, das als unerschöpfliche Ressource des Überdenkens, Nachdenkens, Andersdenkens, Neudenkens bei der Orientierung des Lebens und auch der Arbeit im engeren Sinne behilflich ist.

 

Arbeit an sich selbst, Arbeit an Freundschaft, Familienarbeit, Bürgerarbeit, Arbeit als Muße: Eingebettet in diese verschiedenen Aspekte von Arbeit kommt nun erneut die Erwerbsarbeit in den Blick. Sie ist keineswegs unbedeutend geworden, aber es ist von entscheidender Bedeutung für sie, dass sie in Bezug zum eigenen Leben gesetzt und als Teil der Arbeit an sich selbst verstanden werden kann. Natürlich geht es immer ums Geldverdienen. Aber was wäre, wenn die Ressourcen dafür nicht mehr zur Verfügung stünden? Sie werden nur durch die anderen Arbeiten geschaffen, die daher nicht missachtet werden sollten. Und im äußersten Fall, wenn die Erwerbsarbeit verloren geht, fällt der Betroffene nicht mehr im selben Maße ins Nichts. Das soll nicht darauf hinauslaufen, Arbeitslosigkeit gesellschaftlich einfach nur hinzunehmen, sondern die jeweils Betroffenen nicht gänzlich ratlos mit ihrem Leben allein zu lassen. Auch beim Ausbleiben der Erwerbsarbeit bleiben die anderen Aspekte der Arbeit erhalten. Das mag als schwacher Trost erscheinen, kann aber lebensrettend sein.

 

Statt Arbeit und Leben getrennt zu sehen und eine Balance dazwischen zu suchen, kommt es eher darauf an, einen umfassenderen Begriff von Arbeit zu gewinnen: die Lebensarbeit, in der Arbeit und Leben und die verschiedenen Aspekte von Arbeit integriert sind. Lebensarbeit stellt die übergreifenden Zusammenhänge wieder her, die sich gegen einen allein ökonomisch bestimmten Arbeitsbegriff geltend machen lassen: Arbeit ist nicht bloße ”Güterproduktion” oder lediglich ”entlohnte Tätigkeit”, sondern ein Akt der Gestaltung des Lebens. Die ars laborandi ist Bestandteil einer ars vivendi. Für jede Arbeit gilt der Grundsatz, dass durch das Arbeiten der Mensch selbst bearbeitet wird. Die Arbeit an etwas, die Art und Weise der Arbeit, die Haltung, mit der gearbeitet wird: all das wirkt auf das Selbst zurück, und dies so sehr, dass auch Charaktereigenschaften davon geprägt und verändert werden. Das geschieht in jedem Fall, die Frage ist nur, ob dies auch so verstanden wird: Arbeit als Möglichkeit, sich zu üben und durch diese Übung und Gewöhnung sich selbst zu gestalten.

 

Dabei handelt es sich um eine anspruchsvolle Aufgabe. Die Lebensarbeit umfasst über die bereits genannten Aspekte hinaus vor allem die Arbeit am Sinn, zunächst bezogen auf die Arbeit selbst. Wenn Sinn Zusammenhang ist, dann geht es hier darum, Zusammenhänge der eigenen Arbeit, jeder Arbeit, in größerem Rahmen zu sehen und danach zu fragen, ob und gegebenenfalls welche Bedeutsamkeit ihr zukommt, in einem Haus, in einer Institution, in der Gesellschaft. In Zeiten der Muße, so genannten ”Auszeiten”, sabbaticals, lässt sich dies besser erkunden als inmitten der alltäglichen Anforderungen. In Frage stehen in erster Linie Zusammenhänge des Wofür und des ”Um zu”: um auf ein Ziel, einen Zweck hin arbeiten zu können, etwa um Verhältnisse zu verändern und zu verbessern, sich und anderen zu helfen. Viele sehnen sich danach, ”gebraucht zu werden”, und leiden darunter, dass ”jeder ersetzbar ist”, vor allem durch Maschinen. Zu ersetzen wäre jedoch vor allem das fremdbestimmte ”Um zu” durch ein selbstbestimmtes: Um Ziel und Zweck der Arbeit nicht von anderen sich vorgeben zu lassen, sondern selbst darüber zu entscheiden, wofür gearbeitet werden soll. Zum Gegenstand einer eigenen Sinngebung werden ferner soziale Zusammenhänge: Das bedeutet, Beziehungen zu anderen zu suchen und zu pflegen, andere als nur funktionale, wenigstens einige kooperative, im besten Fall freundschaftliche Beziehungen, auch im Arbeitsumfeld im engeren Sinne. Als begrenzt erweist sich demgegenüber die Reichweite ökonomischer Zusammenhänge: Macht die Arbeit für Geld, macht sie in diesem Unternehmen, macht das jeweilige Unternehmen, macht Wirtschaft überhaupt Sinn? Sind die erkennbaren Zusammenhänge ausschließlich ökonomischer Natur, treibt dies regelmäßig Fragen nach ethischen Zusammenhängen hervor, nach einer Bindung der Arbeit und des Wirtschaftens an Werte, an eine gesellschaftliche, soziale und ökologische Verantwortung. Auch Ökonomie kommt nicht umhin, ”Sinn zu machen” und kann Menschen dabei nichts vormachen: Nicht proklamierte, sondern nur nachvollziehbare Zusammenhänge kommen für eine nachhaltige Sinngebung in Frage.

 

In der Hauptsache aber antwortet die Arbeit am Sinn auf die Frage: ”Was hat die Arbeit mit meinem Leben zu tun?” Arbeit, welche auch immer, ist kein ”Sinn an sich”. Sinn gewinnt sie nur im Rahmen von Zusammenhängen, insbesondere mit dem eigenen Leben. Lebensarbeit ist eine Arbeit an ideellen Zusammenhängen, vor allem eine ideelle Aneignung der Arbeit, auch der Erwerbsarbeit, um sie als Teil des Lebens zu sehen. Dies nicht, um den Interessen eines so genannten ”Kapitals” Genüge zu tun, sondern aus wohlverstandenem Eigeninteresse der jeweiligen Menschen selbst: Aneignung als selbstbestimmter Akt, um auf die Gefahr der Enteignung zu antworten, die darin besteht, Arbeit als etwas bloß Äußerliches zu sehen; denn damit wird ihr möglicher Sinn verschenkt und Lebenszeit vertan. Zwar ist jeder Mensch frei, sowohl sinnvoller als auch sinnfreier Arbeit nachzugehen, aber die Arbeit, die keinen Sinn macht, kann nicht lange durchgehalten werden: Sie kostet zu viel Kraft und repräsentiert nicht selbst eine Quelle von Kraft. In abhängiger Tätigkeit sind es die größere Eigenverantwortung und Möglichkeiten zur Umsetzung eigener Ideen, die zur Aneignung der Arbeit beitragen; am meisten aber die innere Beteiligung, die Investition seiner selbst in die Arbeit. Keine Aufopferung ist damit gemeint, keine Übermotivation, kein ausufernder zeitlicher Umfang der Arbeit – eher im Gegenteil: Die reduzierte Zeit kann dem wachsenden Interesse an der Arbeit förderlich sein, da aus lästiger Alltagsaufgabe wieder eine willkommene Abwechslung wird.

 

Eine vollständige Aneignung der Arbeit und deren Integration in die Lebensarbeit scheint jedoch in freier Tätigkeit möglich zu sein. Denn bei dieser Art der Arbeit geht es um die Existenz, sowohl im materiellen als auch im ideellen Sinne. Es handelt sich um eine riskante Lebensform, aber auch um ein umfassend angeeignetes Leben, eine Form von Selbstmächtigkeit, bei der das Individuum Herr und Sklave seiner selbst zugleich ist. Bei aller Mühe und Anstrengung kommt damit die mögliche Freude an Arbeit, das Glück, das mit ihr verbunden sein kann, die Arbeit als Erfüllung wieder in den Blick.

 

Erstrebenswert erscheint freilich, in jeder Art von Arbeit Fülle und Erfüllung erfahren zu können. Die Erfahrung der Fülle resultiert aus der vielfältigen Vernetzung mit anderen, die mit Arbeit einhergehen kann und dafür sorgt, nicht allein für sich, sondern ”unter Menschen zu sein”. Sie resultiert aus der Vielzahl von Erfahrungen, die bei einer Arbeit zu machen sind und den Horizont und den Spielraum des Selbst erheblich erweitern. Und sie resultiert aus den Herausforderungen, die gesucht und angenommen werden, mit denen ein Mensch wachsen und sich um Exzellenz bemühen kann. Denn das Gefühl, etwas auf exzellente Weise tun zu können, ist unvergleichlich. So wird Arbeit zur Kunst, zur gezielten Verwirklichung von Möglichkeiten und zum Bemühen um eine exzellente Verwirklichung. Nicht, weil dies so sein muss. Sondern weil es Bestandteil eines erfüllten Lebens sein kann.

Sind wir wirklich frei dazu? Können wir in solchem Maße selbst über unser Leben bestimmen? Ob Selbstbestimmung wirklich möglich ist, lässt sich letztlich nicht beweisen, nur annehmen. Die Behauptung, dass es eine selbstbestimmte Freiheit der Wahl ”gibt”, ist ebenso schwer zu begründen wie die gegensätzliche, dass es sie ”nicht gibt”. Aus der Sicht der Lebenskunst liegt es jedoch nahe, für die Annahme zu optieren, dass es so etwas wie Freiheit gibt und dass das Selbst in vielen Fällen eine wirkliche Wahl zu treffen hat. Es ist möglich, ein solches Selbstverständnis zu formulieren: nicht um jegliche Fremdbestimmtheit gegenstandslos zu machen, sondern um sich selbst etwas zuzutrauen und sogar zuzumuten. Entscheidend ist letztlich die Haltung, mit der wir durchs Leben gehen wollen: Uns von Einflüssen umstellt zu sehen und uns von dieser Sichtweise das Leben rauben zu lassen – oder diesen Gedanken zurückzudrängen, um uns wenigstens zeitweilig frei wähnen zu können und Autonomie schon mal zu erproben, nur für den Fall, dass sie doch einmal hier und da möglich sein sollte. Wenn wir aber jede Möglichkeit von Selbstbestimmung und Selbstverantwortung bezweifeln, haben wir zweifellos ebenfalls eine selbstbestimmte Wahl getroffen – und mit unserer Existenz zu verantworten, denn trotz allem lebt niemand sonst dieses Leben und bringt es auch zu Ende als nur wir selbst.

 

Wenn dies bei einer wachsenden Zahl von Menschen dazu führen könnte, Arbeit und mit ihr das Leben auf veränderte Weise zu verwirklichen, würde letzten Endes auch diese Zeit selbst nicht mehr dieselbe bleiben. Es kann sein, dass wir inmitten einer kritischen Zeit die Geburtsstunde einer anderen Zeit erleben, die eine veränderte, andere Moderne genannt werden könnte. Kennzeichnend für sie wäre, sich nicht mehr ausschließlich nur um Freiheit im Sinne von Befreiung zu bemühen, sondern der erreichten Freiheit endlich auch neue Formen zu geben. Festzuhalten wäre für die andere Moderne an der modernen Idee der Veränderung und Verbesserung, zu modifizieren lediglich durch das Konzept einer skeptischen Veränderung, um sich nicht länger auf einen ”Idealzustand” zu fixieren, dem alles zustrebt und der in ferner Zukunft zu erreichen ist. Eine Vollkommenheit der Verhältnisse dürfte nicht nur nicht realisierbar, sondern vor allem nicht wünschbar sein, denn es müsste sich um einen vollkommen spannungslosen, also uninteressanten Zustand handeln. Skeptisch ist diese Arbeit der Veränderung, da für sie nicht mehr alles, was ”neu” ist, von vornherein auch schon gut ist, und umgekehrt nicht mehr alles ”Alte” von Grund auf schon schlecht. Veränderung muss auch nicht mehr unbedingt ”das Ganze” betreffen, selbst dann nicht, wenn das Ganze ”das Falsche” sein sollte, denn daraus, dass etwas falsch ist, folgt nicht, dass das Ergebnis einer radikalen Veränderung automatisch ”das Richtige” wäre. Aus dem unaufhaltsamen ”Fortschritt” der Moderne wird auf diese Weise die bescheidenere, mühevollere Arbeit an der punktuellen Verbesserung spezifischer Verhältnisse. Ist es nicht spannend, mit dem eigenen Leben daran arbeiten zu können, was aus einer Zeit wird? Vorausgesetzt, die Richtung wird als sinnvoll angesehen.

 

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