Gespräch über das Leben und die Philosophie

BR-Alpha-Fernsehen

Sendung vom 6. Juni 2007

Gespräch mit Corinna Spies (Textprotokoll)

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Spies:

Willkommen zum alpha-forum, verehrte Zuschauerinnen und Zuschauer. Im Studio begrüße ich heute Professor Dr. Wilhelm Schmid, Philosoph, Buchautor, Kolumnist, Vortragsreisender. Sein zentrales Thema – ein zentrales Thema der Philosophie überhaupt – ist die Lebenskunst. Sie haben mit diesem Thema in den letzten Jahren viele Leserinnen und Leser begeistern können: Warum speziell dieses Thema?

Schmid:

Nun, ursprünglich war das mein eigenes Problem, denn zum Thema "Lebenskunst" kommt man nicht, weil man über sie bereits verfügt, sondern weil man sie entbehrt. Das war für mich damals in so großem Maße der Fall, dass ich mich damit nicht zufrieden geben wollte. Ich hatte der Philosophie zugetraut, dass sie mich über das Leben belehren könnte, dass sie mir zeigen könnte, wie man das Leben durchschaut, wie man herausbekommt, was wichtig und was unwichtig ist im Leben. Das war einer der wesentlichen Gründe, warum ich überhaupt Philosophie studiert habe. Nach zwei Jahren war dann aber klar: In der Philosophie geht es um alles, aber nicht um das Leben. Das war eine für mich sehr unangenehme Entdeckung. Als ich dann meine akademischen Lehrer fragte, ob das nicht doch Hauptanliegen in der Philosophie sei, bekam ich den freundlich gemeinten Rat, ich sollte mal eine Psychotherapie machen. Das schien mir aber nicht angemessen zu sein, also habe ich weiter gesucht, bis ich auf etlichen Umwegen bemerkt habe: Lebenskunst war eigentlich das Uranliegen der Philosophie! Aber in moderner Zeit ist das vergessen worden.

Spies:

Da ging es Ihnen wohl wie so manchen Germanisten, die ihre Liebe zur Literatur gefälligst zu unterdrücken haben, wenn sie ihr Studium absolvieren – zumindest kommt es einem manchmal so vor. Wir sind damit aber auch gleich an einem zentralen Punkt angelangt. Ihre Zunft blickt doch auf das, was Sie machen, worüber Sie so publikumsnah schreiben und vortragen, mit einer gewissen Distanz. Wie gehen Sie damit um?

Schmid:

Das war schon mal schlimmer. Das wird buchstäblich von Jahr zu Jahr besser. Die Kollegen bemerken ja: Da ist sehr viel dahinter und sie bemerken auch, wie ich meine, dass ich das ganz ordentlich und sorgfältig mache. Und so wachsen langsam auch jüngere Philosophen heran, die sich von vornherein stärker mit der Philosophie der Lebenskunst beschäftigen. Noch zehn oder zwanzig Jahre und das wird wieder Bestandteil von Philosophie sein. Da gehört das auch hin, damit wir auf der Grundlage der bestmöglichen Ausbildung, der größtmöglichen Kenntnis etwas Kluges dazu sagen können, wie Menschen Leben bewältigen können – allerdings ohne das dem Einzelnen vorzuschreiben, aber dem Einzelnen die Bedingungen und die Möglichkeiten aufzuzeigen.

Spies:

Bevor ich zu Ihren Motiven komme, überhaupt Philosoph zu werden und sich dann dieses Themas anzunehmen, will ich wenigstens einen Titel von Ihnen herzeigen, der so charmant ist und der sicher jeden und jede reizt: "Mit sich selbst befreundet sein". Das ist eines der vielen Bücher, die Sie geschrieben haben. Ihr Basis-Werk trägt den Titel "Philosophie der Lebenskunst. Eine Grundlegung" und ist schon älteren Datums, wurde jedoch inzwischen vielfach neu aufgelegt. Ihre Publikationen bestechen den Leser sicher durch das, was Ihre Fachkollegen möglicherweise z. T. ablehnen, nämlich durch Lesbarkeit, Verständlichkeit und durch die tatsächliche Beschäftigung auch mit den praktischen Dingen des Lebens bzw. den seelischen und geistigen Dingen des Lebens. Wenn man so will haben Ihre Bücher also auch Ratgeber-Charakter. Kommen wir jedoch noch einmal zurück zu Ihren Motiven. Sie haben selbst gesagt, dass Sie sich ja sehr wohl aus bestimmten Gründen damit beschäftigt haben. Sie sagten, Sie hatten das einfach nötig. Warum war es für Sie persönlich so wichtig, die Kunst des Lebens zu erlernen?

Schmid:

Ich bin unter wunderbaren Verhältnissen aufgewachsen, nämlich mitten auf dem Land in Bayerisch-Schwaben und in einer Zeit, in den fünfziger und sechziger Jahren, in denen zumindest auf dem Land das Leben noch sehr stark eingebettet war in Tradition, in Religion, in Konvention. Irgendwann ist mir dort diese Welt dann aber etwas zu eng geworden und ich ging in die nächstgrößere Stadt, nämlich nach Augsburg. Dort galten aber auf einmal ganz andere Gesetze: Da lösten sich menschliche Beziehungen bereits auf, die auf dem Land noch ganz fest waren, da lösten sich feste Denkweisen auf, da war viel mehr möglich zu denken und zu fühlen und zu tun, als das unter ländlichen Bedingungen der Fall gewesen war. Ich bin mit diesem modernen Leben einfach nicht zurechtgekommen. Ich hätte gut leben können unter vormodernen Bedingungen, aber nicht unter diesen modernen Bedingungen. Und leider war auch niemand in der Nähe, der mir dieses Leben hätte erklären können. Zurück wollte ich aber auch nicht. Also habe ich für etliche Jahre diesen Spagat gelebt, der sehr schwer zu leben ist. Ich weiß heute, wie Menschen zumute ist, die einen solchen Spagat zwischen den Welten leben müssen. Heute ist es ja längst so, dass auch auf dem Land die Moderne reichlich eingezogen ist, fast zu reichlich, wie man sagen muss. Es ging also darum, neu leben zu lernen, und zwar unter modernen Bedingungen. Das war also zunächst einmal mein ureigenstes persönliches Anliegen. Erst später, als ich dann in die Öffentlichkeit gegangen bin und Seminare gemacht und Vorträge gehalten habe, habe ich bemerkt, dass für sehr viele Menschen genau das ein Problem darstellt und dass ich nicht nur etwas für mich selbst tun kann, sondern auch für sehr viele andere Menschen, wenn ich mit diesen Menschen diesen Weg gemeinsam gehe.

Spies:

Die Philosophie ist ja zumindest heute ein brotlose Kunst und wer sagt, er möchte Philosophie studieren, den schaut man etwas mitleidig an. Für Sie jedoch war die Philosophie der Rettungsanker. Die Frage ist allerdings, was da an diesem modernen Leben so schlimm war, was dieses moderne Leben überhaupt ausgemacht hat, denn das war ja sicherlich nicht alleine die Technik oder die Entfremdung in der Großstadt, denn da hätte es ja wohl genügend Möglichkeiten gegeben, sich seine eigenen Räume und Gemeinschaften zu schaffen.

Schmid:

Das waren z. B. die häufig zerbrechenden und wechselnden Beziehungen. Das ist modernes Leben. Unter vormodernen Bedingungen bleiben ja Beziehungen, wenn sie erst einmal gegründet sind, sozusagen bis zur Bahre dieselben: Freundschaftsbeziehungen, eheliche Beziehungen, Liebesbeziehungen usw. Unter modernen Bedingungen zerbrechen jedoch Beziehungen sehr, sehr leicht. Jeder Einzelne erhebt in der Moderne einen hohen Anspruch auf seine persönliche Freiheit. Ich will davon nichts zurücknehmen, ich will nur uns alle gemeinsam, und mich vorweg, dazu anhalten, mit dieser Freiheit zurechtzukommen. Wir haben diese Freiheit ja lange verstanden als eine Befreiung. Wir haben uns frei gemacht von Traditionen, von der Religion usw. Nachdem nun der Zustand, frei zu sein von so vielem, real geworden ist, haben wir und auch ich bemerkt, dass das der Zustand des totalen Nichts ist. Und was jetzt? Jetzt bleibt nur eines, nämlich aufgrund von Freiheit Beziehungen neu zu begründen, möglicherweise auch die Religion wieder schätzen zu lernen usw. Es geht also um eine positive Freiheit, wie wir Philosophen sagen: statt der negativen Freiheit von, die positive Freiheit zu. Mir scheint, das werden wir auch als Gesellschaft im Laufe dieses Jahrhunderts noch lernen müssen.

Spies:

Obwohl ich ja genügend von Ihnen gelesen habe, um Sie richtig zu verstehen, versuche ich jetzt mal absichtlich, Sie falsch zu verstehen. Sie befinden sich damit ja eigentlich im Mainstream des derzeitigen Diskurses, denn in dem geht es ja ganz stark um die Suche nach Werten, um möglicherweise sogar die alten Werte. Es liegt auch nahe, Sie so zu verstehen, dass es wieder eine Hinwendung zu den Religionen geben könnte, dass es eine Rückbesinnung auf lebenslange Partnerbeziehungen geben sollte usw. Das sieht vordergründig so aus, als wäre es eine bloße Rückkehr zu den alten Werten, als wäre das Teil der allgemein grassierenden Retrobewegung. Ich hoffe, ich verstehe das falsch.

Schmid:

Die Moderne pendelt immer zwischen "pro" und "re": Mal geht es einen Schritt vorwärts und mal geht es einen Schritt rückwärts. Sie haben vollkommen Recht damit, heute ist eine Re-Zeit, also eine Retro-Zeit, eine Recycling-Zeit usw. Wir erinnern uns heute daran, dass da doch mal was war: Was war das eigentlich? Wollen wir uns das nicht mal näher anschauen? Wollen wir möglicherweise re-konstruieren? Wollen wir z. B. das Verhältnis zur Religion re-konstruieren? Das kann aber nicht ein Zurück zu den vorherigen Verhältnissen sein. Warum? Weil wir diesen Weg zurück aus Freiheit gehen! Es ist etwas ganz anderes, ob man religiös ist, weil einen die Umwelt dazu gezwungen hat, weil es sanktioniert wird, wenn man sich anders verhält, oder ob man wieder religiös wird, weil einem einleuchtet, dass es da einen Bereich, eine Dimension gibt, die zu verlieren uns nicht gut tut. Dann ist es nämlich eine freie Wahl sich damit wieder zu befassen. Das Resultat wird dann vermutlich ein ganz anderes sein: Freie Religiosität ist etwas anderes als gezwungene Religiosität.

Spies:

Wobei Religiosität immer den Wunsch nach Bindung ausdrückt. Aber dem berühmten "autonome Wesen", das im 20. Jahrhundert entstanden ist – zumindest in den modernen Gesellschaften als Bild der Menschen von sich selbst –, widerspricht ja zunächst einmal die Suche nach einer neuen Bindung.

Schmid:

Sehen Sie, das ist genau das Problem. Denn alle verstehen Autonomie nur als Befreiung von Bindung. Aber das bloße Wort sagt das genaue Gegenteil: "autos" und "nomos" und das bedeutet, "sich selbst" das "Gesetz" zu geben. Genau das ist aber die stärkste mögliche Bindung, die es überhaupt gibt: Sich selbst das Gesetz zu geben. In etwas milderer Form soll das heißen: "Ich alleine entscheide darüber, ob ich eine religiöse Bindung eingehe und mir auf diese Weise wieder das Gesetz gebe. Ich vermute daher, dass das 21. Jahrhundert das Jahrhundert der Autonomie sein wird, aber im Sinne von Autonomie als Selbstgesetzgebung und nicht mehr nur als Befreiung.

Spies:

Um jetzt gleich mit einem weiteren Klischee zu kommen: Das wäre also dieser vereinzelte Mensch, der sich selbst das Gesetz gibt und der daher in der Gesellschaft, in der er lebt und womöglich auch in der Gesetzgebung, in der er lebt, nur von sich aus entscheidet. Wie muss man sich das vorstellen? Ist das ein Einzelgänger, womöglich einer, der alle Grenzen sprengt?

Schmid:

Da werden dann schon die anderen Einzelgänger da sein und ihm, wenn nötig, seine Grenzen aufzeigen, wenn er diese sprengen möchte. Es wird jedoch kein Weg daran vorbeiführen, dass es sich hier um freie und selbstbestimmte Wesen handelt, jedenfalls um Wesen, die Anspruch auf Selbstbestimmung unter modernen Bedingungen erheben. Ich sehe daher keine Möglichkeit zu sagen: "Aber Ihr seid letztlich doch wieder alle zwangsweise aneinander gekettet als Gemeinschaft!" Ich sehe nur einen möglichen Weg zurück zur Gesellschaft, denn ich glaube, dass wir tatsächlich ein Zurück zur Gesellschaft brauchen: Freie Individuen müssen zu dem Schluss kommen, dass es ihnen wechselseitig gut tut, dass sie größere Chancen und Möglichkeiten haben, wenn sie sich ein wenig miteinander befassen und wenn sie Gesellschaft bilden. Und damit meine ich wirklich Gesellschaft und nicht dieses lose Zusammensein, das wir heute erleben, wo der eine dem anderen vollkommen egal ist. Nein, ich meine damit, dass wir uns tatsächlich als Bürger einer Gesellschaft verstehen und auf diese Weise zurückkommen zu einer neuen Bürgerlichkeit. Und damit, nämlich mit "Bürgerlichkeit", liefere ich Ihnen natürlich auch gleich das Stichwort, das ja heute wieder in vieler Munde ist. Dies wird aber ganz gewiss nicht dieselbe Bürgerlichkeit sein, die wir noch in den sechziger und siebziger Jahren erlebt haben.

Spies:

Wie haben Sie es bei sich selbst erreicht – ohne Psychotherapie, wenn ich davon ausgehe, dass Sie dem Rat Ihrer Lehrer nicht gefolgt sind –, das, was intellektuell gut klingt, auch tatsächlich persönlich glauben und leben zu können, also diese Freiheit von zu einer Freiheit für zu zu machen? Braucht es dafür auch große Selbstdisziplin?

Schmid:

Ja, natürlich, das hat sehr viel mit Disziplin zu tun. Disziplin ist ja eine dieser alten Sekundärtugenden, auf die man lange glaubte verzichten zu können. Ich jedoch bin der Ansicht, dass Selbstgesetzgebung, Autonomie, Selbstbestimmung ein hohes Maß an Selbstdisziplin brauchen. Man darf sich eben nicht pausenlos gehen lassen, sondern muss ein paar Dinge mit sich vereinbaren und die dann auch einhalten: "In diese Richtung wollen wir gehen!" Ich spreche absichtlich vom Ich als Wir, denn ich glaube, in uns sind mehr als einer. Da beginnt nämlich die Gesellschaft: in uns und nicht erst außerhalb. Daher betreibe ich ja auch dieses Nachdenken darüber, wie man mit sich selbst befreundet sein kann. Und dann muss man sich z. B. eben auch klar werden – und das war bei mir persönlich die ganz konkrete Frage –, ob man alleine leben will oder ob man in einer Familie leben möchte. Und wenn man in einer Familie leben möchte, dann liegt es natürlich an einem selbst, sie zu gründen und dann auch zu dieser Familie zu stehen. Das war für mich selbst ein viele Jahre währender Prozess der inneren Auseinandersetzung. Ich musste vermutlich das Alleinsein erst einmal bis zur Neige auskosten, wenn man das so sagen kann. Denn in der Neige wird das dann nicht mehr so angenehm. Es hat also eine ganze Weile gedauert bei mir, bis ich mich für eine Familie entschieden habe, bis ich mich dazu entschieden habe, eine Familie zu gründen. Und so habe ich das dann auch gemacht: Das war der richtige Weg, das war diese Freiheit zu. Ich hatte ja die Freiheit, frei von Familie zu bleiben, aber ich habe diese Bindung zu einer Familie gewählt und dann auch gemeinsam mit meiner Frau eine Familie gegründet. Unsere Familie existiert bis heute und ich fühle mich sehr wohl innerhalb dieser Bindungen.

Spies:

Ich will jetzt mal aufhören, Sie gezielt zu missverstehen, weil ich ja schließlich in Ihren Büchern gelesen habe und mir sehr wohl ganz gut vorstellen kann, wie Sie meinen, was Sie sagen. Ich muss aber eben ab und zu auch im Sinne des Zuschauers ein bisschen missverstehen, weil das alles ja auch missverständlich sein kann. Man sagt, zwei Leute können das Gleiche tun, aber das ist doch nicht dasselbe. Zwei Leute können sich der Religion wieder zu wenden und bei dem einen mag das reine Nostalgie sein, während das bei dem anderen eine freie Entscheidung ist, wobei natürlich klar ist, dass Freiheit immer auch etwas Relatives ist. Um jedoch zu diesem Punkt zurückzukommen, wie man mit sich selbst befreundet sein kann und zu den Mehreren, die in uns wohnen: Wie muss man das verstehen? Sie meinen ja keine gespaltene Persönlichkeit, sondern Sie meinen die Diskussion in sich selbst mit sich selbst, wobei diese Diskussion quasi stellvertretend für die Diskussion mit der Außenwelt steht.

Schmid:

Es gibt in jedem Menschen ein Denken und es gibt in jedem Menschen ein Fühlen. Jeder Mensch macht früher oder später die Erfahrung, diese beiden mögen sich nicht immer. Das Denken sagt z. B.: "Wir bleiben jetzt am Computer sitzen!" Das Fühlen sagt jedoch: "Du solltest aber auch mal deinen Körper wieder in Bewegung setzen!" Und was macht man jetzt? Da bleibt nur, mit sich selbst befreundet zu sein, nämlich zu sagen: "Für eine Weile machen wir das und dann machen wir jenes!" Es geht jedenfalls immer darum, darauf zu hören, welche Stimmen in einem sprechen, welche Stimmen melden welche Interessen an und welche Bedürfnisse, verbunden mit dem Wunsch, wo immer es geht, diesen Bedürfnissen zu folgen? Man darf nicht versuchen, einen dieser Teile, eine dieser Stimmen auszuschließen aus dem Selbst. Viele Menschen versuchen z. B. den Zorn aus sich auszuschließen. Sie mögen an sich selbst die Zärtlichkeit, aber nicht den Zorn. Ich bin schon Zeuge etlicher Versuche geworden, den Zorn auszuschließen. Das liebt aber der Zorn überhaupt nicht: Dann wird er nämlich sehr zornig. Das soll heißen, es ist sehr, sehr kontraproduktiv, den Zorn auszuschließen. Also bleibt nur ein Weg, der sinnvoll ist, nämlich den Zorn so zum Ausdruck kommen zu lassen, dass das nicht zerstörerisch ist, und zwar weder für einen selbst noch für andere.

Spies:

Wie macht man das beim Zorn, beim Zorn z. B. von Gruppen, die sich innerhalb der Gesellschaft im Zuge der Modernisierung und Globalisierung benachteiligt fühlen? Wie sollen sie ihren Zorn ausdrücken?

Schmid:

Es kann sein, dass es unter bestimmten Bedingungen sogar ratsam wäre, diesen Zorn auf die Straße zu tragen und an die Stelle hinzutragen, an die er gehört. Ich bin jedenfalls keiner, der sagt: "Bleibe mit deinem Zorn im privaten Kämmerlein!" Ich meine nämlich, dass das schlicht von der konkreten Situation abhängt. Bei bestimmten Dingen wie z. B. der ökologischen Entwicklung wundere ich mich sehr, dass sich der Zorn der Menschen bereits eine geraume Zeit in Grenzen hält. Mein Zorn hält sich hier nämlich keineswegs in Grenzen: Es hat mich sehr zornig gemacht, dass denkende Menschen in der Lage sind zu übersehen, welche Alarmzeichen sich bereits seit zehn, zwanzig Jahren aufbauen. Nein, da muss man erst warten, bis auch Wissenschaftler zu einem entsprechenden Resultat kommen, was aber erfahrungsgemäß immer etwas dauern kann, weil sie ja immerhin eine große Datenbasis brauchen. Da sagt einem doch der gesunde Menschenverstand schon viel früher, wohin die Reise hingeht. Wir hätten hier also sehr wohl früher gegensteuern können.

Spies:

Zumal dann, wenn man vom Land kommt und eigentlich noch eine relativ natürliche Beziehung zur natürlichen Umwelt hat.

Schmid:

Na ja, früher war das mal so. Heute sehe ich auf dem Land nicht so wahnsinnig viele, die die Umwelt als Natur betrachten. Stattdessen haben die eher mit Technik zu tun und mit Kunstdünger usw. Wir werden aber genau das brauchen: Wir werden wieder eine Liebe zur Natur brauchen, denn sonst wird all unsere Technik, die wir für die ökologische Umgestaltung sicherlich auch brauchen werden, vergebens sein. Wir haben uns nämlich mit der Moderne auch befreit von unserem Verhältnis zur Natur. Und das, was wir heute erleben, ist das Resultat davon. Befreiung ist also nicht immer ein Glück.

Spies:

Es braucht also etwas Neues, nämlich Befreiung zu etwas, wie Sie in Ihren Büchern fordern.

Schmid:

Wir müssen der Freiheit Formen geben. Und dazu wird auch gehören, dem Verhältnis zur Natur wieder eine Form zu geben. "Form" heißt: begrenzen! Wir dürfen also nicht alles tun, was wir mit Natur machen können. Wir können heute mit unseren technischen Mitteln die Natur zweifellos zerstören. Aber müssen wir das auch? Können wir unsere Technik nicht zu klügeren Dingen verwenden?

Spies:

Warum fällt es Ihrer Meinung nach den Menschen so schwer, diese Art von Lebenskunst auszuüben? Denn dass es ihnen schwerfällt, konstatieren Sie ja selbst in Ihren Büchern. Und auch der allgemeine gesellschaftliche Diskurs darüber legt nahe, dass es sehr schwierig ist, sich zurechtzufinden in der modernen Welt. Aber der Mensch ist ja auch ein Teil der Natur: Warum fällt es ihm also so schwer, diese besondere Art von Freiheit, die er sich ja letztlich selbst errungen hat, dann auch wirklich zu nutzen und ihr eine entsprechende Form zu geben? Sie schreiben dabei ja, wenn ich Sie richtig verstehe, keine Inhalte vor, außer beim Stichwort "Ökologie", wo Sie sehr wohl eine Erhaltung der Natur in gewissem Umfang fordern. Ansonsten weisen Sie aber eigentlich nur auf das "Wie" hin.

Schmid:

Auch in der Ökologie. Mir liegt sehr daran zu sagen: "Ja, wir haben die Freiheit uns zu zerstören." Nur darum geht es übrigens. Große Schlagzeilen behaupten nämlich immer wieder, es ginge darum, die Erde zu retten. Da dürfen wir uns aber nicht täuschen, denn die Erde müssen wir nicht retten. Die Erde wird auch ganz gut noch nach uns existieren. Nein, es geht wirklich darum, die menschliche Existenz zu retten, denn sie ist möglicherweise in einem absehbaren zeitlichen Horizont bedroht. Dies können wir uns denkend klar machen: durch wissenschaftliche Daten aber auch durch Plausibilitätsüberlegungen in Bezug darauf, wie die Dinge eigentlich zusammenhängen. Und dann kommt die große Schwierigkeit, diese Schwierigkeit, die es gibt, seit es das Denken gibt: nämlich die Frage, wie man vom Denken zum Tun kommt. Die Menschen können ja ohne weiteres einsehen, dass es eine ökologische Problematik gibt. Aber dass das irgendetwas mit dem Auto vor ihrem Haus zu tun haben könnte, ist für sie schwer umzusetzen, denn dann müssten sie ja etwas tun. Sie müssten vielleicht auf etliche Fahrten verzichten, sich vielleicht ein anderes Auto kaufen, eines, das weniger Schadstoffe und vor allem CO2 ausstößt usw. Der große Schritt ist jedenfalls, wie man vom Denken zum Tun kommt. Dies hat aber bereits vor 2000 Jahren Schwierigkeiten gemacht, das ist also keine Neuerung. Eine Neuerung wäre nur, sich zu überlegen, wie man diesen Übergang vom Denken zum Tun besser schaffen kann.

Spies:

Warum ist dieser Übergang so schwer? Ich erwarte von Ihnen jetzt quasi unter dem Stichwort "Lebenskunst" die Antwort darauf. Wie schaffen wir diesen Übergang?

Schmid:

Dieser Umgang ist so schwer, weil das einen Wechsel der ontologischen Ebene darstellt, wenn Sie mir diesen philosophischen Fachbegriff gestatten.

Spies:

Ungern.

Schmid:

Die Ontologie ist die Lehre vom Sein und es gibt unterschiedliche Ebenen des Seins. Es gibt das Möglich-Sein und das Wirklich-Sein. Auf der Ebene des Möglich-Seins ist eben alles möglich. Auf dieser Ebene bewegt sich das Denken. Für das Denken ist also alles möglich. Wirklich-Sein ist aber das Real-Werden einer Möglichkeit, während andere Möglichkeiten für eine bestimmte Zeit von der Realisierung ausgeschlossen sind. Wenn man sich das wie eine Sanduhr vorstellt, dann sieht das so aus: Oben, im Bereich der Möglichkeiten, gibt es unendlich viele Sandkörner. Aber die Wirklichkeit ist das Nadelöhr, durch das die Sandkörner durchmüssen. Die Frage lautet also: Wie bekommen wir nun aus diesen unendlich vielen Sandkörner eines durch dieses Nadelöhr? Das geht nur durch etwas, das man in der Antike Asketik nannte. Das ist ein Begriff, der im Deutschen Wort "Askese" noch ein wenig anklingt. Er klingt jedoch nur an, denn wir glauben ja, Askese würde "Enthaltsamkeit" bedeuten. Dies ist aber nicht der Fall, denn "Askese" vom griechischen "askesis" heißt eigentlich "Übung". Es geht bei der Askese also um das Üben, um das Üben dieses Übergangs, um von der Möglichkeit in die Wirklichkeit zu kommen. Ein Beispiel: Ich esse gerne Schokolade. Ich könnte jeden Tag an sich an die zehn Tafeln Schokolade essen. Die Frage ist nur, ob sich so ein Wunsch, so eine Möglichkeit auch in der Wirklichkeit gut bewährt. Ich stelle dann fest, dass genau das nicht der Fall ist: Das bewährt sich nicht, das ist ungesund, das macht dick usw. Wie komme ich dann also zu einem verträglichen Maß? Indem ich mich darin übe, die täglichen Portionen zu reduzieren, bis man zu der Portion kommt, die sich gut realisieren lässt, die sich in der Wirklichkeit bewährt. Ich weiß, das klingt sehr, sehr banal. Aber ich siedle das bewusst auf dieser banalen Ebene an, denn so – mit solchen banalen Beispielen – lernen wir diesen Übergang vom Denken zum Tun. Und wenn wir das dann bei solchen Banalitäten schaffen, dann können wir das auch bei anspruchsvolleren Dingen bewältigen.

Spies:

Warum fällt es Menschen so schwer, sozusagen bei dieser Bewegung der Sanduhr dann auch tatsächlich zu handeln, wenn aus den vielen Möglichkeiten reale Chancen, reale Handlungsfelder geworden sind? Die Menschen werden ja auch sehr stark von Ängsten angetrieben: Eigentlich müssten doch diese Ängste beim Stichwort "Umwelt" dafür sorgen, dass sich die Menschen in Ihrem Sinne vernünftig verhalten. Warum funktioniert das nicht?

Schmid:

Die Ängste waren offenkundig anders besetzt. Ich glaube auch, dass Ängste ein wichtiger Antrieb für die Menschen sind. Daher fange ich ja auch in meinem Buch "Mit sich selbst befreundet sein" mit Ängsten an, wie ich sie selbst in starkem Maße erlebt habe. Ängste sind also ein Antrieb. Wir glauben zwar oft, ein Leben ohne Ängste wäre am besten, aber ein Leben ohne Angst ist gar nicht lebbar. Wir müssen uns immer wieder ängstigen, damit wir wissen, worum es im Leben geht. Wenn ich mich um das Leben ängstige, dann wird mir das Leben wertvoll. Wenn ich mich darum ängstige, dass ich mit einem bestimmten Menschen vielleicht nicht weiter zusammen sein kann, dann wird mir dieser Mensch wertvoll. Wir bekommen also durch die Ängste eine Orientierungsrichtung. Im Hinblick auf die ökologischen Dinge waren die Ängste offenkundig besetzt durch Angst vor Arbeitslosigkeit, durch Angst davor, krank zu werden, Angst davor, nicht genügend Rente zu haben usw. Das sind alles wichtige Ängste, aber es ist nun einmal leider so: Wenn wir unsere ökologischen Probleme nicht lösen, dann können wir uns diese Ängste alle sparen.

Spies:

Aber das heißt doch, der Mensch hat ein bestimmtes Angstpotential, eine bestimmte Angst-Möglichkeit, eine bestimmte Angst-Fähigkeit. Ich finde, diese ist bereits ziemlich überstrapaziert.

Schmid:

Es scheint ein existentielles Angstquantum zu geben, das nicht über- und nicht unterschritten werden kann. Wenn wir weniger Angst haben, als dieses Quantum vorsieht, dann sehen wir uns Krimis an, damit wir uns wieder ordentlich ängstigen können. Wenn wir zu viel Angst haben, dann werden wir lebensunfähig, dann ist es sinnvoll, diese Ängste mit therapeutischen Methoden wieder auf ein vernünftiges Maß zu bringen. Offenbar war das Angstquantum also voll und für ökologische Angst gab es keinen Platz mehr. Nun ändern sich aber die Prioritäten. Warum? Weil jetzt das Problem den Menschen an die Haut geht. Natürlich ängstigen wir uns am meisten vor dem, was uns am dichtesten bevorsteht. Bei der Ökologie schien es lange so, als hätte das mit uns nichts zu tun, weil das entweder "nur eine Frage von Spinnern ist, die ohnehin immer nur Katastrophen am Horizont sehen", oder weil das alles noch so weit weg war. Gemäß dieser Ansicht hieß das: "Das betrifft also zuerst einmal die Arktis und es sind ja doch ein paar Tausend Kilometer bis zu uns." Erst in jüngster Zeit merken wir an den klimatischen Veränderungen direkt vor unserer Haustür, dass uns das jetzt sehr wohl direkt betrifft. Wir können also damit rechnen, dass das in absehbarer Zeit die Angst Nummer eins wird. Das wird auch gut sein so, denn dann werden wir entsprechend reagieren.

Spies:

Wir reagieren also erst, wenn uns ein Problem auf der Haut brennt. Dieses Trägheitsmoment ist ja offenbar sehr stark. Ist daher der Mensch überhaupt in der Lage, diese globalen Probleme zu lösen? Ist er damit in seinem So-Sein nicht letztlich doch überfordert?

Schmid:

Das kann sein.

Spies:

Ist er nicht z. B. viel zu sehr gebunden an die Angst vor dem eigenen Tod?

Schmid:

Es kann sein, dass der Mensch von den Aufgaben, die sich jetzt stellen, überfordert ist. Das ist jetzt eben das Spannende in diesem Jahrhundert: Wir erleben zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte ein Jahrhundert, in dem die Existenz des Menschen auf dem Spiel steht. Dies ist nämlich im 21. Jahrhundert anders als im 20. Jahrhundert die Bedrohung durch die Atomenergie, denn dies hätte nicht wirklich alle Menschen betroffen. Die Klimaveränderung betrifft jedoch tatsächlich den gesamten Planeten. Leider ist das so, obwohl wir modernen Menschen das fast alleine verursacht haben. In diesem Jahrhundert wird sich also zeigen: Sind die Menschen in der Lage, Gaben der Evolution, die sie bekommen haben, nämlich z. B. die Fähigkeit, über ihre eigene Situation nachdenken zu können – diese Fähigkeit ist in diesem Maße in der Tierwelt nicht verbreitet – dazu zu nutzen, um sich in der Evolution halten zu können? Oder scheidet die Evolution dieses Gewächs namens Mensch aus? Wir müssen in Betracht ziehen, dass es sich tatsächlich so verhält. Aber ich möchte gerne zu denen gehören, die bis zum letzten Tag alles dafür tun, dass die Entwicklung eine andere sein wird. Ich habe Kinder und wer Kinder hat, der kann nicht anders!

Spies:

Das ist ein unwiderlegbares Argument. Dennoch die Frage: Warum haben Sie dieses Temperament entwickelt, das Sie so kämpferisch sein und so viel nachdenken und diese Profession des Philosophen betreiben lässt? Warum geht es vielen modernen Menschen ganz offenbar nicht so? Man muss sich ja nur einmal anschauen, wie wenig Menschen sich in der ökologischen Bewegung engagieren, wie gering der Zulauf zu den Parteien ist und dass sich das Interesse an der Politik im Grunde genommen auf einer Unterhaltungsebene bewegt. Warum ist das so, wenn man nicht davon ausgeht, dass die Menschen von vornherein dumm sind? Warum handeln die Menschen also nicht?

Schmid:

Ich gehe nicht davon aus, dass sich, wenn es ein neues Problem gibt, sofort 100 Prozent der Menschen auf dieses Problem stürzen müssen – oder auch nur stürzen sollen. Nein, solche Dinge wachsen, das ist ein natürlicher Prozess und diesen Prozess finde ich sehr, sehr schön. Erst kommen nur ein paar wenige darauf, dass hier ein Problem vorliegt. Das war in der Ökologie so, das war früher auch in anderen Bereichen schon so. Auch bei der sozialen Problematik war es so, dass nicht gleich 100 Prozent der Menschen davon überzeugt waren, dass das ein auf Lösung drängendes Problem ist. Das sind also immer erst ein paar wenige. Typischerweise sind das oft Menschen, die aufgrund von Krankheit oder Nervosität hypersensibel sind. Das ist also ein Potential, das eine Gesellschaft immer braucht, um genügend Sensibilität zu haben. Ursprünglich war das also eine winzig kleine Gruppe und dann sind es ein paar mehr geworden. Heute hat sich das so ausgewachsen, dass wir sagen dürfen: Die gesamte Gesellschaft in Deutschland ist auf dem gesamten Planeten eine der avanciertesten im Hinblick auf das ökologische Bewusstsein. Denn es ist ja nicht so, dass das bei uns heute nur mehr ein kleines Grüppchen wäre. Nein, das sind schon relativ viele Menschen und es werden von Tag zu Tag mehr. Wenn der Prozess weitergeht, dann sind das in absehbarer Zeit 100 Prozent der Menschen in unserer Gesellschaft. Und dann brauchte es dafür historisch betrachtet nur einen relativ kurzen Zeitraum, nämlich einen Zeitraum von ungefähr 30 Jahren. Historisch gesehen ist das nämlich ein verschwindend geringer Zeitraum.

Spies:

Sie sind also offensichtlich neben allem anderen auch ein Optimist, wenn ich Ihre Äußerungen mit dem vergleiche, was in jüngster Zeit in der Öffentlichkeit an Untergangsszenarien dargeboten oder was an verzweifelten Rufen nach neuen Werten und Wertsystemen gehandelt wird. Sie scheinen letztlich ein neues Wertsystem bereits im Kopf zu haben, egal wie neutral Sie Ihren Schülern bzw. Lesern entgegentreten.

Schmid:

Ich bin ein optimistischer Pessimist. Ich bin pessimistisch wegen der Wirklichkeitsnähe: Denn gerade in ökologischer Hinsicht gibt es leider Anlass zum Pessimismus, dass das Umsteuern möglicherweise nicht mehr rechtzeitig gelingt. Aber so möchte ich nicht leben, ich möchte dennoch bis zum letzten Tag etwas tun und kämpfen. Und deswegen bin ich optimistischer Pessimist, denn mit Optimismus kann man die Dinge besser in Angriff nehmen. Für mich persönlich stimmt das so. Wenn ich etwas davon manchmal Menschen mitgeben kann, dann bin ich froh. Aber ich lege immer größten Wert darauf, anderen Menschen nicht eine ganze Skala von Werten und Normen mitzugeben. Ich möchte, dass Menschen selbst aufgrund eigener Einsicht dazu kommen. Dies aus einem bestimmten Grund: Ich bin ein Mensch und damit bin ich, genauso wie jeder andere, irrtumsanfällig. Es hat also keinen Sinn, wenn ich anderen sage, was sie zu tun haben. Zum anderen ist es ja so, dass jeder Mensch für das, was er für richtig hält, mit seinem ganzen Leben einstehen muss. Das muss er, da haben wir keine Ausweichmöglichkeit, denn nur dieser Mensch wird dieses Leben so leben und auch zu Ende bringen – und kein anderer. Das sollte man daher besser in der Weise tun, die man selbst geprüft und für richtig befunden hat und sie nicht von jemand anderem übernehmen.

Spies:

Das ist neben der Autonomie das Stichwort "Selbstverantwortung", auf die Sie großen Wert legen bei dem, was Sie schreiben.

Schmid:

Aber auch das ist, wie gesagt, eine Möglichkeit, die ein Mensch ablehnen kann. Ein Mensch kann selbstverständlich Selbstverantwortung ablehnen: Die Gesellschaft muss dann sehen, was sie mit einem solchen Menschen macht. Aber grundsätzlich ist das möglich. Ich glaube nur nicht, dass das klug ist. Stattdessen ist es klug, die Selbstverantwortung wahrzunehmen, denn man muss ja letzten Endes selbst dieses Leben leben: Man muss einstehen für all das, was man tut und lässt.

Spies:

Ich und Sie, wir beide müssen ja auch sterben. Sie setzen sich mit diesem Thema des Älterwerdens, des Sterbens ebenfalls intensiv auseinander. Ich habe gelesen, dass Sie beschlossen haben, ab 60 werden Sie alt sein! Wenn ich richtig gerechnet habe, dann sind Sie jetzt 54 Jahre alt und haben daher diesbezüglich noch eine gewisse Zeit vor sich, während es für mich schon ein Stück schlechter aussieht. Warum sind Sie da so rigide und nennen sich ab 60 selbst einen alten Menschen? Wie gehen Sie mit Ihrer Todesangst um?

Schmid:

Ab 60 möchte ich alt sein, um nicht älter zu sein. Denn "älter" ist ja die Steigerungsform von "alt". Mir reicht es eigentlich schon, alt zu sein. Ich wundere mich daher über die vielen Menschen heute, die "älter" sein wollen. Keiner möchte sich heute mehr als "alt" bezeichnen lassen, sondern jeder beharrt darauf, er sei lediglich "älter". Aber das kann ja nur heißen: Er ist älter als alt. Die eigene Angst vor dem Sterben gibt es und das war vermutlich schon vor mehr als 2500 Jahren Anlass für Philosophen, über das Leben und das Sterben nachzudenken. Ich glaube nicht, dass die Philosophie oder sonst eine Lehre ein wirksames Mittel zu bieten hat, um die Angst vor dem Sterben und dem Tod loszuwerden. Darauf ziele ich aber gar nicht, denn es würde mir schon reichen, wenn ich mich einigermaßen damit befreunden kann, dass es Sterben und Tod nun einmal gibt: nicht nur für andere, sondern letzten Endes auch für mich. Ich stelle da verschiedene Überlegungen an, die ein Philosoph auf diesem Gebiet nun einmal anstellt. Ich stelle mir z. B. vor, was wäre, wenn es überhaupt keinen Tod mehr gäbe, wenn also das real werden würde, was sich viele Menschen und was ich mir vielleicht auch wünschen würde. Wäre das dann noch ein lebbares Leben, also ein Leben, das überhaupt nicht mehr endet? Auch in 10000 Jahren nicht, in 100000 Jahren nicht? Was würden wie denn die ganze Zeit über machen? Wird Leben noch wertvoll, noch sinnvoll sein, wenn es so unendlich währt? Ich glaube also, wir haben Grund zu der Annahmen zu sagen: Der Tod hat Sinn. Dies auch dann, wenn er für einen selbst unter bestimmten Umständen keinen Sinn zu haben scheint, denn letztlich hat er vermutlich doch Sinn. Die weitergehende Überlegung lautet dann: "Wer sagt mir denn, dass das Leben danach wirklich zu Ende ist?" Woher wissen wir modernen Menschen denn, dass das Leben mit dem Tod wirklich zu Ende ist? Das ist ein Glaube – genauso wie der gegenteilige Glaube auch. Wenn beides ein Glaube ist, also sowohl die Annahme, dass es ein Leben nach dem Tod gibt, wie die Annahme, dass es kein Leben nach dem Tod gibt, dann wählt man eben eine von diesen beiden Glaubensmöglichkeiten. Man wählt die, mit der man besser leben kann. Und hier fällt zumindest mir die Entscheidung überhaupt nicht schwer.

Spies:

Das heißt, Sie glauben an ein gewisses Leben nach dem Tode?

Schmid:

So ist es.

Spies:

Wie stellen Sie sich das vor?

Schmid:

Ich habe da keine genauen Vorstellungen. Ich weiß ja auch nicht, ob es wirklich so ist, ich setze nur darauf. Und wenn ich mich geirrt habe, dann habe ich halt Pech gehabt. Aber so nehme ich mir eben vor, dass ich all das im "Jenseits" machen kann, was ich in diesem Leben nicht realisieren kann – und das ist eine Unmenge. Wenn ich alleine nur an die Berufe denke, die ich ebenfalls gerne gewählt hätte. All das will ich also in meinem künftigen Leben realisieren. Wenn ich keine Gelegenheit dazu habe, weil es kein künftiges Leben gibt, dann macht das auch nichts, denn dann weiß ich ja nichts davon.

Spies:

Sehr beruhigend.

Schmid:

Ja, für mich schon. Ich sehe jedenfalls, dass Menschen, die daran glauben, dass das Leben mit dem Tod zu Ende ist, oft in ungeheuren Lebensstress geraten. Denn sie müssen ja all das, was sie sich für dieses Leben vorgenommen haben, innerhalb dieses Lebens realisieren. Die haben da gut zu tun und dennoch werden sie bis zum letzten Tag nicht fertig werden. Und dann scheiden solche Menschen unzufrieden aus dem Leben. Ich habe solche Menschen schon öfter vor mir gesehen bei meiner Arbeit, die ich als Philosoph in einem Krankenhaus mache. Diese Menschen sind dann oftmals wirklich bis zur letzten Sekunde verzweifelt. Das ist kein schönes Sterben.

Spies:

Aber mit der Vorstellung von einem Leben nach dem Tod oder sogar mehreren Leben nach dem Tod kann natürlich auch ein arger Fatalismus einhergehen, der eigentlich Ihrer Vorstellung vom Selbst und von der Entwicklung des eigenen Selbst und des mit sich selbst Befreundens widersprechen würde. Denn es ist ja ein sehr aktives Selbst, das Sie beschreiben.

Schmid:

Wenn sich daraus ein Fatalismus ergäbe, dann würde ich mich ja zurücklehnen und sagen: Die ökologische Zerstörung? Was kümmert mich das? Das ist im Weltlauf so vorgesehen! Ich mache aber doch offenkundig das genaue Gegenteil. Also folgt aus dieser Haltung, dass es ein Leben nach dem Tod gibt, kein Fatalismus.

Spies:

Bei dieser Arbeit als Seelsorger in einem Krankenhaus in Zürich sind Sie mit den Themen Tod, Schmerzen, Krankheit und Alter immer wieder beschäftigt. Warum haben Sie diese Tätigkeit angefangen? War das der Versuch, aus dem berühmten Elfenbeinturm in die Realität zu kommen als Philosoph? Oder wäre das zu platt ausgedrückt?

Schmid:

Das war eigentlich gar nicht meine Idee gewesen, sondern der Ursprung für das Ganze war ein Text von mir über den Sinn der Schmerzen, der in meinem Buch "Schönes Leben" enthalten ist. Diesen Text haben die leitenden Ärzte einer Klinik vor Augen bekommen und fanden das sehr kurios. Sie haben mich dann zu einem Vortrag eingeladen. Ich fuhr dorthin mit der inneren Gewissheit, dass ich mich damit in die Höhle des Löwen begebe, dass man sich aber ab und zu auch mal herausfordern und mutige Dinge tun müsse. Zur beiderseitigen Verblüffung haben wir uns dann aber sehr, sehr gut verstanden. Die Ärzte sagten: "Sie haben vollkommen Recht. Schmerzen sind nicht nur etwas, das man bekämpfen kann, Schmerzen sind grundsätzlich etwas, das man auch integrieren kann – wo es sinnvoll ist und selbstverständlich nicht dort, wo das nicht sinnvoll ist." Und dann machten sie mir den Vorschlag, ich solle doch mal zwei Wochen zu ihnen in die Klinik kommen, um dort zu arbeiten als Philosoph. Das empfand ich zunächst als eine sehr merkwürdige Idee: Was soll ein Philosoph im Krankenhaus? Heute, nach zehn Jahren Arbeit, denke ich mir: Wie kommen eigentlich die vielen anderen Krankenhäuser ohne einen Philosophen aus? Denn selbstverständlich gibt es in einem Krankenhaus viele Menschen – nicht nur die Kranken dort, sondern auch diejenigen, die dort arbeiten, einschließlich der Ärzte –, die sich eine Unmenge an Fragen stellen: über das Leben, über den Tod, über Krankheit usw. Sie hätten alle dringend Gesprächsbedarf, aber es ist kaum jemand da, mit dem sie darüber sprechen können – von den Theologen und einigen Psychologen abgesehen. Es ist wirklich niemand da, um mit ihnen, wie ich das mittlerweile gerne nenne, Lebensgespräche zu führen. Ich habe sie mittlerweile schon oft geführt und habe auf diese Weise Einblick in die Schicksale vieler Menschen gewonnen. Dadurch habe ich etwas bekommen, das der Philosophie sonst in der Tat abgeht, nämlich viel mehr satten Eindruck von wirklich gelebtem Leben, um mit dem Denken darauf besser reagieren zu können. Das Buch "Mit sich selbst befreundet sein" hätte nicht geschrieben werden können ohne diese reichhaltige Erfahrung im Hintergrund.

Spies:

Sie machen, wenn ich das richtig gelesen habe, Ihre Arbeit in diesem Krankenhaus unentgeltlich.

Schmid:

Nein, sie wird bezahlt von Spendengeldern – aber tatsächlich nur von Spendengeldern, also nicht von irgendeiner Krankenkasse oder aus öffentlichen Mitteln.

Spies:

Sie haben jedoch keine philosophische Praxis eröffnet, wie es sie in Deutschland vereinzelt nun auch gibt. Sie leiten auch kein Philosophisches Café: auch dies eine Erscheinung, die vor ein paar Jahren modern geworden ist und sicherlich nicht die schlechteste Abendbeschäftigung darstellt, wie ich meine. Stattdessen führen Sie von Ihnen so genannte Lebensgespräche. Sie machen das aber nicht nur im Krankenhaus.

Schmid:

Nein, nur im Krankenhaus.

Spies:

Sie sind also sonst kein philosophischer Berater? Eine solche Praxis haben Sie nicht?

Schmid:

Ich achte die Arbeit von Kollegen in philosophischen Praxen und überhaupt als Praktiker außerordentlich, aber ich selbst kann sie mit meinem Gewissen nicht vereinbaren. Denn ich möchte, dass jeder Mensch, der Bedarf hat, sich mit solchen Gedanken auseinanderzusetzen, zu mir persönlich kommen kann: nicht um nun ein Gespräch von ein, zwei Stunden zu führen, sondern zu einem Vortrag und einer anschließenden Diskussion. Danach kann es möglicherweise auch noch eine persönliche Diskussion geben. Zu einem solchen Vortrag hat jeder Mensch Zugang. Wenn ich eine Praxis hätte, dann müsste ich dafür logischerweise auch einen bestimmten Geldbetrag nehmen. Dies würde von vornherein eine Menge Menschen ausschließen, von denen ich aber weiß, dass sie die Bedürftigsten sind.

Spies:

Was kann denn der Philosoph den Menschen geben, was ihnen der Psychologe nicht geben kann?

Schmid:

Psychologen können grundsätzlich auch Philosophie vermitteln. Ich kenne heute viele Psychologen, die sich auch für die philosophische Seite interessieren und sagen, dass sie das in ihrer täglichen Praxis einfach brauchen. Aus diesem Grund arbeite ich relativ viel mit Psychologen zusammen. Das, was ein Philosoph beitragen kann und was in anderen Professionen nicht schon von vornherein vorhanden ist, ist die Aufmerksamkeit gegenüber Begriffen. Nehmen wir mal z. B. den Begriff "Leben". "Leben" ist zunächst einmal nur ein Wort: Wir gebrauchen dieses Wort sogar relativ häufig. Das Wort an sich sagt also noch nichts, aber wir stellen uns etwas vor, wenn wir dieses Wort äußern. Wir machen uns also eine Vorstellung vom Leben. Diese Vorstellung bezeichnen Philosophen als Begriff. Das ist also ein Wort, aber eines mit Inhalt, nämlich den Vorstellungen, den Ideen, den Erwartungen, den Wünschen usw. In solchen Lebensgesprächen spreche ich dann z. B. mit Menschen über ihren Begriff von Leben. Ich spreche auch über viele andere Dinge mit ihnen, aber dieser Begriff von Leben ist doch einer, der sehr häufig vorkommt. Welche Vorstellung hat der einzelne Mensch vom Leben? Denn jeder lebt ja nach dieser Vorstellung, jeder hat deswegen sehr wohl eine Orientierung in seinem Leben. Und diese Orientierung beziehen wir aus diesem Begriff. Häufig haben wir diesen Begriff nicht selbst gemacht, sondern ihn übernommen. Junge Leute von heute übernehmen diesen Begriff z. B. sehr gerne von dem, was sie in den Medien an Leben vorgeführt bekommen: Leben muss ein Spektakel sein! Na gut, aber was passiert mit so einem Menschen, wenn das Leben vor allem im Alltag gerade kein Spektakel ist? Dann versteht so jemand das Leben nicht mehr. Also versuche ich Menschen anzuregen, darüber nachzudenken, ob sie einen angemessenen Begriff von Leben haben. Könnte es sein, dass sie da noch nachjustieren müssen? Ich sage nur, dass das sein könnte, ich sage niemandem, wie der richtige Begriff des Lebens ist, denn den einzig richtigen Begriff gibt es nicht: Es gibt immer verschiedene richtige Begriffe, nämlich diejenigen, die dann wirklich gut gelebt werden können.

Spies:

Vielen Dank für dieses Gespräch. Wenn ich Sie richtig verstehe, dann würden Sie jungen Leuten immer noch raten Philosophie zu studieren.

Schmid:

Ja, absolut, sie strömen ja auch zu den Philosophen. Und es wird ja auch von Jahr zu Jahr besser im Hinblick darauf, dass auch solche Fragen in der Philosophieausbildung Platz haben: auch solche Fragen. Denn ich möchte ja die Disziplin "Philosophie" vollständig erhalten wissen mit all ihren Teildisziplinen, die manchmal etwas kompliziert sind, die wir aber ganz gut brauchen können, um das Leben besser zu verstehen.

Spies:

Herr Professor Wilhelm Schmid, vielen Dank für Ihren Besuch und für dieses interessante Gespräch. Ihnen, liebe Zuschauerinnen und Zuschauer, vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit und bis zum nächsten alpha-forum.

 

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