"Der Tod macht das Leben klarer"

Gespräch, DER SPIEGEL,

Nr. 52 vom 20. Dezember 2008

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„Der Tod macht das Leben klarer“

 Der Philosoph Wilhelm Schmid über die Endlichkeit der Existenz, die ewige menschliche Suche nach Sinn und den aktuellen Streit um die Zulässigkeit von Sterbehilfe

SPIEGEL: Herr Schmid, Sie befassen sich als Philosoph damit, wie die Menschen Glück finden und wie ihnen das Leben gelingt. Was verstehen Sie eigentlich unter Lebenskunst?

Schmid: Es ist nicht die populäre Lebenskunst, wie sie lange Zeit verstanden worden ist: Gut essen, trinken, Aphrodisia, sich möglichst keine Gedanken machen über das Leben, nicht besorgt sein. Mir fiel schon während meines Studiums auf, dass es noch etwas anderes geben muss – zum Beispiel die antike Lebenskunstlehre, wonach es auf das bewusst geführte Leben ankomme.

SPIEGEL: Die erste Variante klingt amüsanter ....

Schmid: Unser Leben ist geteilt in Positives und Negatives, und nur wenn wir in unserem Lebensbegriff beide Pole übergreifen können, nähern wir uns der wahren Lebenskunst. Der Versuch der Moderne, vom Leben nur das Positive zu erwarten und mit allerlei chemischen Keulen Schmerz und Leid zu besiegen, ist doch gescheitert. Wir brauchen die Rückbesinnung auf die philosophische Lebenskunst, die auch Schmerzen und Misserfolge als konstitutiv für das Leben betrachtet.

SPIEGEL: Das Negative schlechthin am Leben ist der Tod. Wie können Sie diesen größten Skandal der Existenz in Ihre Lebenskunst, in Ihre Suche nach der Balance zwischen den Polen, integrieren?

Schmid: Ich harmonisiere da nichts. Denken wir uns den Tod doch einmal weg. Stellen wir uns vor, wir sterben nicht. Wie fühlen wir uns dabei? Angenommen, aus 80 Lebensjahren werden 200. Da gibt es dieses schöne Buch über 1000 Orte, die man sehen sollte, bevor man stirbt. Wenn ich zweimal im Jahr Urlaub mache, schaffe ich vielleicht 100. Wenn mir weitere 1000 Orte einfallen, brauche ich schon 500 Lebensjahre. Kann das immer so weiter gehen? Bleibt die Lebensfreude dabei erhalten? Es dürfte furchtbar öde werden. Denken Sie nur an dieses Detail: Nicht nur wir würden bleiben, sondern auch unsere Nachbarn!

SPIEGEL: Vorausgesetzt, der medizinische Fortschritt ist unaufhaltsam: Wie lange möchten Sie leben?

Schmid: Ich habe für mich beschlossen: 500 Jahre, das scheint mir ein sinnvoller Zeitraum zu sein; da bekomme ich noch viel mit, etwa die Fortschritte in der Astrophysik, und ich kann noch die 1000 Urlaubsorte besuchen...

SPIEGEL: ...mit wie vielen Ehefrauen?

Schmid: Möglichst mit der, die ich jetzt habe. Aber länger als 500 Jahre? Das würde wohl zu langweilig werden.

SPIEGEL: Daraus folgt doch, dass wir Menschen den Tod als Grenze des Lebens annehmen sollten.

Schmid: Ja, zur Fülle des Lebens, mit allen Gegensätzen, gehört nun einmal der Tod, wir müssen uns mit ihm anfreunden.

SPIEGEL: Haben Sie mit dieser Idee Schwerkranken helfen können – in den zehn Jahren Ihrer Arbeit als philosophischer „Lebensgesprächspartner“, so Ihre eigene Bezeichnung, in einem Schweizer Spital?

Schmid: Das kam vor. Die Idee hilft auch nicht nur dem Sterbenskranken, sondern genauso den mitleidenden Angehörigen. Die Zeit, die Menschen verbringen, wenn sie ihren bevorstehenden Tod akzeptiert haben, kann so intensiv werden, dass sie viele Jahre Lebenszeit aufwiegt. Menschen, deren Leben in absehbarer Frist endet, können einen präzisen Blick auf beglückende Kleinigkeiten gewinnen, den ein Gesunder, der noch viele Jahre vor sich zu haben glaubt, oft verpasst: die Tautropfen morgens auf den Gräsern, den Wolkenzug am Himmel. Jede Konfrontation mit dem Tod macht das Leben klarer, lebendiger. Die Todeserwartung enthält zuweilen richtig beglückende Momente.

SPIEGEL: Gehört zur Lebenskunst, die den Tod als natürliche Grenze des Daseins akzeptiert, nicht auch das bewusste Verfügen über den Zeitpunkt des eigenen Ablebens, notfalls auch mit fremder Hilfe?

Schmid: Es kommt darauf an, wie die Hilfe genau aussieht. Wir haben es mit zwei extremen Positionen zu tun, und ich muss zunächst sagen: Beide haben vollständig recht. Die eine besagt: Grundsätzlich gehört es zur Würde des Menschen, dass er bis zuletzt über sich bestimmen kann. Die andere  Position besagt: Es gehört zur Würde des Menschen, nicht in das eigene Leben einzugreifen bis zuletzt, weil der Einzelne sich dieses Leben ja auch nicht gegeben hat. Selbstbestimmung oder Ehrfurcht vor der Unverfügbarkeit des Lebens, das ist die Frage.

SPIEGEL: Sehen Sie einen Kompromiss?

Schmid: Die Verfechter der unterschiedlichen Entwürfe der Menschenwürde sollten aufhören, sich gegenseitig für unzurechnungsfähig zu erklären. Sie sollten sich fragen: Kann es sein, dass die jeweils andere Position auch Gewinn mit sich bringt und nicht nur Probleme? Wenn ich mich auf den Standpunkt stelle, das Leben als Ganzes sei grundsätzlich Gott überlassen, kann ich unter Umständen vor einem furchtbar leidenden Menschen stehen, der ganz gewiss in zwei Wochen stirbt – und dem soll ich nicht helfen dürfen, das Leid sofort zu beenden? Wo bleibt da das Mitleid?

SPIEGEL: Wenn mir die Selbsttötung erlaubt ist, und das ist sie ja, warum sollte mir dann keiner dabei helfen dürfen?

Schmid: Bei der Selbsttötung ist vor allem die Frage: Habe ich es mir wirklich gut überlegt? Habe ich genügend bedacht, was meine Selbsttötung für andere Menschen bedeutet, die mir wichtig sind? Da gibt es zwei Möglichkeiten, beide habe ich im Krankenhaus erlebt: Jemand möchte einem anderen Menschen nicht weh tun und verzichtet deshalb auf die Selbsttötung. Oder jemand möchte einem anderen weh tun, bis an dessen Lebensende, und bringt sich gerade darum um.

SPIEGEL: Erklärt sich das aktuelle Interesse an der Sterbehilfe auch vor dem Hintergrund der neuen medizinischen Möglichkeiten zur Schmerzbekämpfung und zur Verlängerung des Lebens? 

Schmid: Die Debatte über Sterbehilfe ist zweieinhalbtausend Jahre alt; heute hat sie eine eigene Qualität gewonnen durch die Möglichkeiten der modernen Medizin und die gewachsenen Ansprüche der Menschen, unabhängig von irgendwelchen Autoritäten   zu entscheiden, ihr Recht auf existentielle Selbstaneignung wahrzunehmen.

SPIEGEL: Wie genau darf Hilfe beim Sterben aussehen, wie weit darf sie gehen?

Schmid: Der Arzt, der diese Hilfe leisten soll, ist selbst ein autonomer Mensch, kein Vollzugsorgan dessen, der sterben will. Das ist das eine Problem. Das andere: Wie können wir im Einzelfall unterscheiden, ob der Todeswunsch wirklich der Patientenwille ist – und nicht der Wunsch eines Angehörigen, mit dessen Sterben möglichst bald zu erben?

SPIEGEL: Also was schlagen Sie vor?

Schmid: Ich plädiere für die Autonomie dessen, der sterben will. Unter ähnlichen Voraussetzungen, wie sie in den Niederlanden festgelegt wurden: Wenn jemand, der sterben will, aber zur Selbsttötung nicht mehr in der Lage ist, seinen Entschluss im Beisein eines Notars bekundet, und seinen Entschluss zwei Wochen später noch einmal vor einem Notar bekräftigt, um auszuschließen, dass das erste Mal nur eine Gefühlsaufwallung war; und wenn zwei Ärzte unabhängig voneinander bestätigen, dass dieser Mensch unheilbar krank ist und nur noch eine begrenzte Lebenserwartung hat, und wenn die Hilfe dann auch durch einen Arzt vollzogen wird, nicht durch irgendeine andere Person.

SPIEGEL: Etwa durch einen ehemaligen Justiz-Senator aus Hamburg.

Schmid: Gewiss nicht – allerdings hat ja der, den Sie meinen, Roger Kusch, keine aktive Sterbehilfe geleistet; er hat, wie es auch die Schweizer Sterbehilfeorganisation Dignitas tut, einigen Sterbewilligen etwas bereitgestellt, womit diese sich dann töten konnten. In der Sterbehilfe-Debatte wird ja der falsche Eindruck erweckt, schon diese Selbsttötung – und das Besorgen des Gifts durch einen Helfer – sei verboten. Assistierter Suizid ist im Prinzip erlaubt, nicht nur in der Schweiz, auch bei uns.

SPIEGEL: Aber der Helfer darf nicht so weit gehen, dem Lebensmüden das Gift – zum Beispiel Natrium-Pentobarbital – selbst darzureichen.

Schmid: Das genau ist der heikle Punkt, an dem auch das legitime Mitleid bei uns straffällig wird. Und das zu Recht. Es kann nicht darum gehen, die aktive Sterbehilfe einfach blind freizugeben. Wenn wir in dieser Richtung einen Schritt machen, dann nur genau definiert und strikt überwacht. Sonst können wir nicht mehr sicher sein, was in Altenheimen, aber auch in Privatwohnungen passiert. Es ist doch die Regel, dass Erbinteressen ins Spiel kommen, wenn ein Tod absehbar ist. Vor der Gefahr, dass Interessenten vorzeitig nachhelfen wollen, unter dem Vorwand einer Tötung auf Verlangen, muss der Staat jeden Einzelnen schützen.

SPIEGEL: Soll man jemanden gewähren lassen, der – wie der 2002 verstorbene norwegische  Abenteurer Thor Heyerdahl, der an einem Gehirntumor litt  – einfach nichts mehr isst und trinkt?

Schmid: Es handelt sich dabei um eine indirekte Selbsttötung, die jedem freisteht, sofern er sie wirklich selbst vollzieht. Passive Sterbehilfe der Art, dass andere diesen Menschen gewähren lassen, ist ein Tor ins Jenseits, das denkbar weit offen steht.

SPIEGEL: Der evangelische Bischof Wolfgang Huber schreibt in seinem neuen Buch „Der christliche Glaube“, dieser Glaube stehe „gegen jede eigenmächtige Bestimmung des Todeszeitpunktes, auch gegen Selbstmord“. Können unsere Politiker, wenn sie neue Regeln über Patientenverfügung und Sterbehilfe fixieren, dieses Votum eines wichtigen kirchlichen Repräsentanten ignorieren?

Schmid: Der Staat muss den Bischof daran erinnern, dass er nur maximal die Hälfte der Bürger vertritt. Gläubige und Ungläubige müssen eine gemeinsame Regelung finden, einen Kompromiss. Die Christen müssen mehr das Mitleid mit dem Leiden der Todkranken berücksichtigen, und die Nichtchristen müssen die vielen Missbrauchsmöglichkeiten einer total frei gegebenen aktiven Sterbehilfe bedenken. 

SPIEGEL: So mancher Depressive, der nicht mehr leben wollte, hat den Versuch der Selbsttötung überlebt und hinterher zugegeben, dass er darüber froh war. Kann man damit nicht jede Legitimität einer aktiven Sterbehilfe aushebeln?

Schmid: Ja, aber auch die Legitimität jeder Selbsttötung. Trotzdem finden diese sogenannten „Selbstmorde“ statt, Punkt. Das lässt sich durch Verbote oder irgendwelche Formen der Ächtung nicht ändern. Manchmal hat man ja die Chance, eine geplante Selbsttötung durch ein Gespräch zu verhindern.

SPIEGEL: Ist Ihnen das schon einmal gelungen?

Schmid: Ja. Als ich einmal in dem Schweizer Krankenhaus zu Mittag aß, kamen zwei Frauen an meinen Tisch, von denen eine mir mitteilte, sie wolle noch heute aus dem Leben scheiden.

SPIEGEL: Was haben Sie ihr gesagt?

Schmid: Wichtig war mir, ihr zunächst einmal zu sagen: Selbstverständlich können Sie das tun, ich werde Sie nicht daran hindern, ich werde auch niemandem vorweg davon erzählen. Wenn mein Gegenüber davon ausgehen kann, dass ich die Legitimität der Absicht nicht in Frage stelle, entsteht ein erstes Vertrauen. Dann habe ich gefragt: Sind Sie sich ganz sicher, dass Sie das nicht noch anders sehen könnten? Wie war es denn damals, als Sie sich das erste Mal verliebten? Die Welt sah plötzlich so ganz anders aus! Und was hat sich verändert, als die Liebe vorbei war? Wieder sah die Welt ganz anders aus, schwarz und leer! Wie ist die Welt wirklich? Das wissen wir nicht, es hängt von unserer Deutung ab. Das gilt vermutlich auch für das Leben, es kann ganz gegensätzlich erscheinen. Vielleicht war es dieser Gedanke, der die Frau in ihrer Selbstgewissheit erschüttert hat, alles sei schrecklich und das Leben nicht mehr lebenswert.

SPIEGEL: Aber für sie hatte sich doch das Leben selbst geändert, sie war gebrechlicher geworden, einsamer, sie hatte viele Illusionen verloren.

Schmid: Dabei bleibt aber das Leben im Wesentlichen gleich. Das Leben selbst ist nicht, wie der Depressive meint, unerträglicher geworden als zu der Zeit, als er es noch spannend fand. Seine Deutung des Lebens hat sich verändert. Es kann nicht sein, dass alles, was früher schön war, plötzlich nichts mehr wert ist.

SPIEGEL: Und das reichte schon als Argument?

Schmid: Mein ultimatives Argument war schließlich: Ich habe nichts dagegen, dass Sie das machen, aber sind Sie ganz sicher, dass Sie es nicht hinterher bereuen? Da gab es ein großes Gelächter, denn die Reue scheint ja unmöglich zu sein, und das unfreiwillige Gelächter der zu Tode Betrübten brach die trübe Stimmung auf. Der Gedanke setzte sich durch: Auch wenn die Reue unmöglich erscheint, auszuschließen ist sie nicht. Und was wäre, wenn ich tatsächlich bereuen müsste?

SPIEGEL: Ist die Frau von ihrem Plan abgerückt?

Schmid: Ja.

SPIEGEL: Als praktischer Philosoph vertreten Sie auch die These, Sinnsuche sei eine Therapie gegen Depression – da sie ohnehin zum bewussten Leben gehöre.

Schmid: Ja, das Wichtigste im Leben ist die Erfahrung von Sinn; und ausgerechnet sie steht modernen Menschen, die ja so vieles andere haben, nicht mehr selbstverständlich zur Verfügung, wie es lange Zeit der Fall war. Im Laufe der Moderne waren viele Menschen froh, diese Selbstverständlichkeit etwa des christlichen Lebenssinns, der ja oft auch mit Druck vermittelt wurde, losgeworden zu sein. Jetzt aber bemerken die Menschen allmählich: Sie haben für den alten Sinn keinen Ersatz. Sie haben auf dem Weg in die Moderne zu viel über Bord geworfen.

SPIEGEL: Und das ist dann der Beginn der Postmoderne?

Schmid: Ich nenne es lieber die andere Moderne.

SPIEGEL: Und welche Art von Sinn können sich die Menschen zurückerobern? Das Christentum? Platons Ideenlehre?

Schmid: Erst einmal ist es wichtig zu verstehen: Was ist denn gemeint mit „Sinn“? Wir sprechen immer dann von Sinn, wenn wir einen Zusammenhang erkennen.

SPIEGEL: Den wir bejahenswert finden.

Schmid: Ja, in der Regel. Aber es gibt auch den negativen Sinn: Wenn zwei sich heftig streiten und damit einfach nicht aufhören können, das vermittelt auch noch einen starken Zusammenhang.

SPIEGEL: Lässt sich ein möglicher Sinn-Zusammenhang des heutigen Lebens auch inhaltlich bestimmen? Geht es im Leben aller Menschen um die Suche nach Glück? Gibt es Glück ohne eine gerechte Güterverteilung? Oder ist die individuelle Selbstverwirklichung wichtiger als alles andere?

Schmid: Das sind große Fragen. Fangen wir weiter unten an: Ein sehr positives Sinnerlebnis kann sich aus dem Verhältnis zwischen Menschen ergeben, etwa zwischen Eltern und Kindern oder zwischen Liebenden. Es fällt auf, dass Menschen, die sich sehr lieben, die Frage nach dem Lebenssinn nur selten stellen. Wenn aber die Beziehung kriselt, wird nicht nur gefragt: Hat sie noch einen Sinn? Sondern auch: Hat das Leben überhaupt noch einen Sinn?

SPIEGEL: Sie haben argumentiert, dass der Sinn auch mit den Sinnen zu tun hat  – warum das?

Schmid: Wenn wir sehen, hören, riechen, schmecken, tasten, dann gelingt es uns, einen Zusammenhang zwischen uns und der Welt herzustellen. Eine sterbenskranke Frau, mit der ich gesprochen habe, wünschte sich, noch einmal nackt in einem warmen Sommerregen zu stehen; ein anderer Patient wollte noch einmal einen schönen Sonnenaufgang erleben. Das sind sinnliche Sinnerfahrungen, die auch vor dem erwarteten Tod noch wichtig sein können. Viele Menschen machen kaum noch solche Erfahrungen, weil sie lieber auf irgendeinen Bildschirm blicken als auf den nächsten Baum im Sonnenlicht. Auch Tasterfahrungen werden immer seltener, weil wir zwischen uns und die Natur immer mehr Geräte schieben, Autos, Kameras, Computer. Wer einen anderen Menschen anfasst, gilt rasch als übergriffig, also lässt man es lieber. Das sind lauter Verluste von Sinnerfahrung.

SPIEGEL: Aus Ihrer Krankenhaus-Tätigkeit berichten Sie, alte Menschen würden es besonders genießen, berührt zu werden.

Schmid: Ja, alle anderen Sinne werden im Alter schwächer, das Sehen, Hören, Schmecken, Riechen, manche erlöschen ganz – aber nicht der Tastsinn, der bleibt bis zum Ende, er entsteht ja auch schon als erster im Mutterleib. Daher neigen alte Menschen dazu, die Hand, die man ihnen beim Gruß gibt, ein wenig festzuhalten.

SPIEGEL: Der jüngere Mensch fragt aber weniger nach solchen einzelnen Sinnerfahrungen, sondern nach dem Sinn des Ganzen  – danach, was sein Leben, was die Welt als solche  eigentlich zu bedeuten haben. Was antworten Sie dem?

Schmid: Ich empfehle ihm, den Zusammenhang des Ganzen aus vielen einzelnen Zusammenhängen zu komponieren, aus Beziehungen zu Eltern und Freunden, zu geliebten Menschen, zur Natur, zum Schönen und Bejahenswerten in allen Formen. Neben diesen gefühlten Zusammenhängen ist der geistige Zusammenhang des Lebens besonders wichtig, das Ziel, das ich denken kann, der Zweck, für den ich da sein will.

SPIEGEL: Diesen Sinn meinen wir.

Schmid: Der lässt sich nicht einheitlich festlegen. Jeder muss sein Lebensziel selbst finden, er muss dafür dann auch geradestehen. Eben darum kann ich niemandem dieses Ziel vorgeben. Hinter die individuelle Sinn-Verantwortung können wir nicht mehr zurückgehen. Auch Staat und Kirche können sie uns nicht mehr, wie früher, abnehmen.

SPIEGEL: Für welche Art von Sinn haben Sie selbst sich entschieden?

Schmid: Ich übe mich darin, ein sinnvoller Mensch zu sein, und versuche alle vier Sinnebenen voll auszuschöpfen: die Zusammenhänge der Sinne, des Fühlens, des Denkens und schließlich auch der Transzendenz.

SPIEGEL: Meinen Sie mit dem letzten Punkt die Gottsuche?

Schmid: Manche nennen es so. Ich sage bescheidener: Ich fühle und denke, dass es noch etwas anderes geben kann als das Endliche. Wenn es stimmt, dass alles polar organisiert ist in dieser Welt, dann muss es auch zum Pol der Endlichkeit einen Gegenpol geben, die Unendlichkeit – wie auch immer sie zu bestimmen wäre.

SPIEGEL: Wie erfahren Sie dieses Transzendieren vom Endlichen ins Unendliche?

Schmid: Zum Beispiel, wenn ich abends hier auf den Balkon gehe und zu den Sternen aufschaue. Der Blick zum Himmel ist mein philosophisches Abendgebet.

SPIEGEL: Da ahnen Sie eine Unendlichkeit, die eigentlich endlich ist, wenn auch unvorstellbar weit und gedehnt.

Schmid: Seit die Astrophysik von der Möglichkeit eines Pluriversums spricht, öffnet auch der Nachthimmel ein Fenster in echte Unendlichkeit.

SPIEGEL: Hilft diese Sinnebene dem, der sich mit dem Sterben befasst – dem eigenen oder dem eines anderen Menschen?

Schmid: Je nachdem, wie weit Sie mit der Suche nach Sinn kommen, werden Sie merken, dass der Tod seine Bedeutung vollständig verändert – und da ist das Universum eine zentrale Richtung des Suchens. Letzten Endes hängt von unserem Verhältnis zum Tod, also davon, wie wir ihn angesichts der Unendlichkeit deuten, auch unser Verhältnis zur Sterbehilfe ab. Wir dürfen den Tod nicht immer nur als unseren Todfeind betrachten. Nur was irgendwann aufhört, ist auch schön und kostbar. Häufig über den Tod, auch mit anderen, nachzudenken und zu sprechen, ist schon deshalb sinnvoll, weil ihm das viel von seiner entsetzlichen Plötzlichkeit nimmt. Davor, vor dem Akt des Sterbens und vor dem Konfrontiertsein damit, haben wir ja mehr Angst als vor dem Tod als Zustand.

SPIEGEL: Würden Sie selbst notfalls Sterbehilfe in Anspruch nehmen wollen?

Schmid: Die Hilfe eines anderen Menschen in keiner Weise, weder direkt noch indirekt, denn dem würde ich in jedem Fall eine Verantwortung aufbürden, die ihn sehr belasten könnte. Ich könnte mir allenfalls vorstellen, dass ich bei einem langen, unerträglichen Leiden mir selbst Sterbehilfe leisten würde – ich würde, wie Heyerdahl, aufhören zu essen und zu trinken.

SPIEGEL: Herr Schmid, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Gespräch führten die Redakteure Mathias Schreiber und Susanne Weingarten.

 

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