Wenn Menschen unglücklich sind

Radio Bremen,

Glauben und Wissen,

Sendung am 13. 11. 2011

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Essay Radio Bremen

„Heute ist nicht mein Tag!“ Wenn Sie das sagen können, dann haben Sie noch mal Glück gehabt. Es gibt viele Menschen, bei denen dauert das länger als nur einen Tag. Und was sollen die sagen? Schließlich leben sie in einer Zeit, die das nicht verzeiht: Alle haben doch ständig glücklich zu sein, alle Anderen sind es ja auch, jedenfalls arbeiten sie hart daran, den Eindruck zu erwecken. Hinter den Gardinen sieht es oft anders aus.

 Das Glück beherrscht zur Zeit das Denken vieler Menschen: Bin ich glücklich? Wie kann ich glücklich werden? Warum alle Anderen, nur ich nicht? Auf die Fragen nicht zu antworten, erscheint unmöglich. Es ist eine regelrechte Glückshysterie ausgebrochen, mit der viele sich womöglich noch unglücklich machen. Könnte es sein, dass Menschen sich unglücklich fühlen, nur weil sie glauben, immer glücklich sein zu müssen? Und dass die Unglücklichen sich jetzt erst recht ausgeschlossen fühlen? Das ist die große Frage bei all dem Gerede über Glück: Was passiert eigentlich mit den Menschen, die unglücklich sind und die mitbekommen, dass die ganze Gesellschaft nur noch über Glück diskutiert? Die Rede vom Glück hat eine normative Bedeutung gewonnen, malt also den Menschen eine Norm an die Stirn: Du musst glücklich sein, sonst lohnt sich Dein Leben eigentlich gar nicht mehr und Du kannst gleich freiwillig verschwinden. Die so genannte Glücksforschung heute ist, um das mal ganz hart zu sagen, zumindest teilweise asozial, denn sie kümmert sich nicht mehr um den Teil der Gesellschaft, der im Unglück und im Unglücklichsein lebt. Hier geht es nicht darum, einmal mit einem „schlechten“ Tag zurecht zu kommen, sondern mit der Erfahrung, dass womöglich jeder Tag „nicht mein Tag ist“.

 Wenn Menschen in moderner Zeit nach Glück suchen, so verstehen sie darunter meist, dass es ihnen gut geht, dass sie gesund sind, sich wohl fühlen, Spaß haben, angenehme Erfahrungen machen, Lüste empfinden, Erfolg haben, kurz: all das erleben, was als „positiv“ gilt. Nicht dass dies in irgendeiner Weise verwerflich sein könnte. Das Problem ist nur: Diese Art von Glück hält nie lange vor. Es hat seine Zeit, es hält glückliche Augenblicke bereit, für die der Einzelne sich offen halten und für die er selbst auch viel tun kann. Aber was bleibt, wenn das Glück geht? Was ist, wenn etwas scheitert, ein Projekt, eine Beziehung, eine Karriere, ein ganzes Leben? Es ist die philosophische Lebenskunst, die einen Menschen davor bewahren kann, das Leben mit einem einzigen Wohlfühlglück zu verwechseln. Beizeiten stellt sie ihn darauf ein, dass es noch andere Zeiten geben wird.

 Das größere Glück, das Glück der Fülle, umfasst immer auch die andere Seite, das Unangenehme, Schmerzliche und „Negative“, mit dem zurechtzukommen ist. In anderen Kulturen ist das den Menschen klarer als in der westlichen Wohlstandsgesellschaft: „Wir haben nicht diese Idee von einem perfekten Leben, das nicht zerstört werden kann“, sagte die indische Schriftstellerein Arundhati Roy vor kurzem in einem ZEIT-Interview. Niemand sucht dieses Andere, aber auszuschließen ist es nicht. Zur Fülle des Lebens zählt nicht nur das Wohlgefühl, sondern auch das Unglücklichsein, das hier mit einbezogen wird.

 Die am meisten verbreitete Form des Unglücklichseins ist, depressiv, bedrückt und niedergedrückt zu sein. Aber dieses Traurigsein ist nicht von vornherein ein pathologischer Zustand, sondern eine Art und Weise des menschlichen Seins. Es gehört wesentlich zur Existenz des Menschen. Es kann wohlbegründet sein, wenn Menschen angesichts dessen, was sich jetzt und künftig nicht mehr ändern lässt, traurig werden. Was vergangen ist, lässt sich nicht mehr zurückholen. Dass überhaupt alles vergeht, lässt sich nicht ändern. Nichts hat Bestand, alles ist vergänglich, brüchig ist der Boden, auf dem wir leben, auf Schritt und Tritt, überall tun sich Abgründe auf. Und es gibt das scheinbar grundlose Traurigsein, wenn ein Mensch sagt: „Eigentlich stimmt bei mir alles, ich weiß gar nicht, was mit mir los ist“. Vielleicht geht dieses Traurigsein gerade daraus hervor, dass alles stimmt: Das Leben, das nur noch die Stimmigkeit kennt, verlangt nach dem Gegenpol der Unstimmigkeit. Auch die unentwegte Lebensfreude kann erschöpfend sein und bedarf einer Erholung, wie sie das Traurigsein darstellt.

 Ein treffendes Wort für das Traurigsein und Deprimiertsein ist Melancholie, ein Zustand, in dem das Glücklichsein vielleicht wünschbar, aber nicht wirklich möglich erscheint. Melancholie ist die Seinsweise einer Seele, die immerzu schmerzt und sich ängstigt. Sie wird begleitet und möglicherweise auch angeleitet von einem höchst reflektierten Bewusstsein, das um die Ungewissheit all dessen weiß, was den Eindruck von Gewissheit macht, und die Fragwürdigkeit aller Dinge kennt, deren mögliche Grundlosigkeit von Grund auf gar nicht bestritten werden kann. Melancholie bewahrt in sich eine Ahnung davon, wie nichtig die menschliche Existenz selbst sein kann, und dass ihr der Boden jederzeit unter den Füßen weggezogen werden kann. Gerade dieses tragische Bewusstsein entspricht dem Leben womöglich mehr als jede törichte Leugnung von Tragik.

 Handelt es sich dabei nicht um eine Depression? Eine Krankheit der „Niedergedrücktheit“, der Depression, gibt es sehr wohl, gekennzeichnet von erstarrten Gefühlen, vom Unwillen und von wirklicher Unfähigkeit zur Reflexion. Der Kranke kann sich selbst nicht mehr helfen, er braucht Therapeuten und Ärzte. Etwas Anderes ist es aber, im nicht-pathologischen Sinne depressiv oder niedergedrückt zu sein: Dieses Traurigsein, diese Melancholie ist von bewegten Gefühlen und Gedanken geprägt, von übergroßer Sensibilität und nicht mehr endender Besinnung und Selbstbesinnung. Der melancholische Mensch denkt über alles nach und kann dabei all die Selbstverständlichkeiten verlieren, in denen Menschen gewöhnlich leben, ohne es recht zu bemerken. Er kann sich selbst sogar fremd werden und den Zusammenbruch der eigenen „Identität“ erleben: Menschsein in seiner ganzen abgründigen Fülle. Es gibt daran nichts zu heilen, eher ist diese Seite des Menschseins zu pflegen.

 Die entscheidende Frage ist die nach der Lebbarkeit des Unglücklichseins, vorausgesetzt, die Lebbarkeit erscheint wünschbar. Sie hängt ab von der Möglichkeit einer Befreundung mit der Melancholie. Glück ist, in diesen Zeiten Menschen zu kennen, die einem beistehen können, am besten Freunde, aber auch professionelle Gesprächspartner. Reden hilft, Schweigen nicht. Zeiten der Melancholie brauchen Gewohnheiten, in deren Umfeld das Traurigsein eingebettet werden kann. Bei regelmäßigen Spaziergängen kann ein Mensch seinen melancholischen Gedanken nachhängen. Beim Hören von Musik können melancholische Gefühle geradezu zelebriert werden, die Musik hält so viele Stücke kunstvoll komponierten Traurigseins bereit. Sinnvoll ist eine Pflege der Erotik, die mit sinnlichen Reizen dafür sorgt, dass die Melancholie ein wenig austariert wird und den Faden des Lebens nicht verliert. Und hilfreich ist die Pflege eines Gartens, eines Balkons oder der Fensterbank, auf der etwas wächst. Das zyklische Werden und Vergehen der Natur repräsentiert eine andere Form der Zeit, in der ein Melancholiker sich eher beheimatet fühlt als in der wenig anheimelnden linearen Zeit der modernen Kultur. Dieses Leben schließt die Verzweiflung nicht aus, durch die das Leben immer wieder hindurch muss. Aber es verhindert immerhin die verzweifelte Verzweiflung, die auf Dauer jeden Halt im Leben unterminieren würde.

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