Vom Wert des Unglücklichseins

Süddeutsche Zeitung

Kolumne “Außenansicht”

8. September 2012

Text als pdf »

 

Alle reden vom Glück. Ist das ein Zeichen dafür, dass alle glücklich sind? Eher für das Gegenteil. Und wie geht es all den Unglücklichen? Sie leiden doppelt und dreifach: Abgesehen davon, dass sie unglücklich sind, müssen sie sich noch Vorwürfe darüber anhören, dass sie es sind. Dass sie sich wohl mutwillig dem Glück verweigern. Aber sie sind ja auch allzu gerne bereit, sich selbst Vorwürfe zu machen: Vielleicht haben sie die vielen Glücksratgeber nicht sorgfältig genug gelesen. So findet ihr Unglücklichsein keinen Platz in ihrem Leben: „Alle Anderen sind doch glücklich, warum ich nicht?“

 

Weil das Leben eben auch das Unglücklichsein kennt. Es ist nicht unbedingt eine Frage der freien Entscheidung, unglücklich zu sein oder nicht. Es ist auch nicht einfach nur ein fehlerhafter Zustand, der beliebig korrigiert werden könnte. Und es ist an der Zeit, nicht mehr nur ein Unglück im Unglücklichsein zu sehen: Hat sich schon mal jemand gefragt, wie es um die Menschheit stünde, wenn in ihrer Geschichte Glück und Zufriedenheit vorgeherrscht hätten? Wäre das die Bestimmung des Menschen, säßen wir noch immer auf den Bäumen. Manche werden sagen, wäre auch gut so. Aber es ist zu spät für ein Zurück.

 

Die Fixierung auf das Glück hat in jüngerer Zeit dafür gesorgt, den Wert des Unglücklichseins aus den Augen zu verlieren. Aber darin besteht die Stärke der Menschen: Das Unglücklichsein macht sie kreativ. Für viele ist Glück Zufriedenheit, aber die ist wenig schöpferisch: Warum sonst kommen große Ideen und Werke so selten von denen, die schon alles haben? Die größten Leistungen der Menschheit sind nicht den Glücklichen und Zufriedenen zu verdanken. Nicht sie haben die Französische Revolution veranstaltet. Auch Beethoven muss man sich nicht als einen glücklichen Menschen vorstellen. Zahllose Werke der Kunst, auch der Technik, gingen nicht aus Zufriedenheit hervor.

 

Die Stärke der Unglücklichen ist ihre Sensibilität, ihr Gespür für Sinn und für dessen Fehlen, darin besteht ihr Geschenk an die Gesellschaft. Sie wenden sich nicht ab, wenn es Anderen schlechtgeht, denn sie wissen, wie sich das anfühlt. Erheblich früher als die Glücklichen bemerken sie eine Gefahr, eine Fehlentwicklung, ein Unrecht und eine Ungerechtigkeit. Auch aus diesen Gründen brach in England, dem Ursprungsland der modernen Vorstellung vom Glück als Lustmaximierung (John Locke, Jeremy Bentham), vor kurzem eine heftige Debatte in der Times los, als die Nationale Statistikbehörde den aktuellen Happiness-Index publizierte: Es sei eine Zumutung, immerzu von diesem Glück zu hören, England brauche eine Arbeits-Ethik, sonst komme das Land nie mehr auf die Beine. Ein Anderer rühmte das Unglücklichsein, denn es gebe „mehr im Leben als dieses elende Geschäft, glücklich sein zu wollen“.

 

So eine Debatte würde ich mir hierzulande wünschen. Es ist ja in Ordnung, dass die Deutschen nach Jahrhunderten der Abstinenz das Glück entdecken. Diese glücksverspätete Nation war zu lange nur eine kritiklose Bastion von Arbeit und Pflicht, und die Kritiklosigkeit war ein Problem. Heute besteht das Problem stellenweise in der kritiklosen Anbetung von Glück und Lust, die zur gesellschaftlichen Norm zu werden droht. Es war interessant, im zurückliegenden Jahrzehnt mitzuverfolgen, wie eine neue Norm entsteht, ein historisches Lehrstück: Niemand hat sie verkündet, keine Instanz hat sie verordnet, da waren nur immer mehr Menschen, die sich für das Glück begeisterten, angeregt und bestärkt von einigen Autoren, die darüber schrieben und es ganz sicher gut mit ihren Mitmenschen meinten.

 

Was ist Glück? Darüber war in den zurückliegenden Jahren viel zu erfahren. Aber deutlich wurde auch: Das Glück wird überschätzt. Die damit verbundenen Erwartungen sind maßlos und heillos übertrieben. Maßlos, weil es so viel Glück gar nicht geben kann. Heillos, weil so hohe Erwartungen nur noch unglücklich machen können. Ist noch niemandem aufgefallen, dass die neuen Ideen vom Glück den alten christlichen Vorstellungen vom ewigen Heil sehr ähnlich sehen? Niemand weiß, ob das im Jenseits funktioniert, im Diesseits aber ganz sicher nicht, denn Menschen sind nun mal keine Götter.

 

Die Flucht ins Glück ist verständlich: Die Leute wollen ihre Ruhe haben. Sie wollen sich eine Insel im Meer stürmischer Veränderungen schaffen. Sie wollen nichts mehr wissen von der Verruchtheit dieser Welt. Glück ist die Verlegenheit, die entsteht, wenn es keine größeren Ziele im Leben und in der Gesellschaft mehr gibt. Was könnten Ziele über das Glück hinaus sein? Beispielsweise ein umgänglicher Mensch zu werden. An einer sozialen und ökologischen Gesellschaft zu arbeiten. Sich mit dem eigenen Lebensvollzug für die Weiterentwicklung des Lebens einzusetzen. Glück selbst ist kein erstrebenswerter Ziel. Es ist schön, wenn es uns gelegentlich berührt wie ein Hauch. Aber wenn es zu lange anhält, macht es träge und wir richten uns in einer Zufriedenheit ein, die uns auf Dauer nicht guttut.

 

Das Andere des Glücks, manchmal auch das andere Glück, ist das Unglücklichsein. Seine am meisten verbreitete Form ist das Depressivsein. Das ist kein krankhafter Zustand, sondern eine Art und Weise des menschlichen Seins, die wesentlich zur Existenz des Menschen gehört. Ein treffendes Wort dafür ist seit altersher Melancholie, ein Zustand von übergroßer Sensibilität, mit sehr bewegten Gefühlen und Gedanken. Melancholie ist die Seinsweise einer Seele, die schmerzen und sich ängstigen kann. Melancholiker denken über alles nach, daher sind seit jeher so viele Philosophen und Künstler unter ihnen zu finden. Gerade ihr tragisches Bewusstsein entspricht dem Leben womöglich mehr als jede törichte Leugnung von Tragik. Es gibt daran nichts zu heilen, eher ist diese Seite des Menschseins zu pflegen.

 

Etwas Anderes als das Depressivsein ist die Krankheit der Depression, der Niedergedrücktheit, gekennzeichnet von erstarrten Gefühlen, vom Unwillen und von wirklicher Unfähigkeit zur Reflexion. Der Betroffene findet aus dem engen Zirkel seiner Gedankenbewegungen nicht mehr heraus und kann sich selbst nicht mehr helfen, oft sogar einfachste Tätigkeiten nicht mehr verrichten. Er ist auf Menschen angewiesen, die mit seinem Einverständnis Verantwortung für ihn übernehmen, Angehörige und Freunde, die ihn jetzt nicht verlassen, Therapeuten, die ihn betreuen, und Ärzte, die sich nach den aktuellen Regeln der Kunst um ihn bemühen.

 

Über das Glücklichsein ist fürs Erste alles gesagt. Jetzt geht es darum, sich mit demselben Interesse dem Unglücklichsein zuzuwenden. Die wahre Herausforderung des Lebens ist nicht das Glück, glücklich sein kann im Prinzip jeder. Für den Umgang mit den Schattenseiten des Glücks gilt das nicht.

 

zurück zum Seitenanfang »