Gelassenheit

Gespräch in der Süddeutschen Zeitung
SZ am Wochenende 12./13. Juli 2014

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WILHELM SCHMID

ÜBER

Gelassenheit

 

Eine Charlottenburger Studierstube wie aus  der Faust-Inszenierung: Bücherwände, Orientteppich, Arbeitstisch, Stehpult und Klavier, überall stapeln sich Bücher und Manuskripte. Der Philosoph trägt, - zu seinen sanften, dunklen Augen sehr schön kontrastierend - das weiße Hemd mit Mao-Kragen, sein Markenzeichen.

INTERVIEW: EVELYN ROLL

 

Sie haben ein Buch über das Älterwerden geschrieben. Die meisten Menschen heutzutage laufen vor diesem Thema davon. Sie verdrängen mit Fitnesstraining, Diäten, Gehirndoping, Haare färben, Botox, Schönheitsoperationen, neuen Liebschaften und späten Karrieren, wie es in jedem Fall für jeden von uns enden wird: tödlich.

Das Alter bleibt den Menschen auf diese Art aber erst recht auf den Fersen wie ein Stalker. Die Aufgabe beim Älterwerden scheint mir gerade nicht Weglaufen und Verdrängen zu sein, sondern stehen bleiben, inne halten, hinschauen, sich stellen, die Tatsachen des Lebens und des Sterbens annehmen. Und das kann man nur mit Gelassenheit hinbekommen.

Was für ein schönes, altes Wort. Und was für eine aus der Mode gekommene Tugend. Wie haben Sie die Gelassenheit wieder entdeckt?

Aus Wut bin ich darauf gekommen. Mein 60. Geburtstag war für mich ein gewaltiges, beunruhigendes Wecker-Klingeln. Das hat mich, ehrlich gesagt, vollkommen umgehauen. Dabei war ich theoretisch doch so gut darauf vorbereitet. Dachte ich jedenfalls. Als Philosoph versuche ich immer vorauszudenken und auch vorausschauend zu handeln. Also hatte ich mich schon lange mit dem Älterwerden und dem Sterben beschäftigt, sogar Vorträge habe ich zu diesen Themen gehalten und meiner Mutter über die Schulter geguckt, die das wunderbar gemacht hat.

Was hat Ihre Mutter wunderbar gemacht?

Das Älterwerden. Und das Sterben auch. Sie war früher eine sehr strenge Frau, die zusammen mit meinem Vater sechs Kinder großziehen und als Bäuerin hart arbeiten musste. Dann wurde sie älter und, vielleicht auch unter dem Einfluss ihrer Enkel, eine ganz milde, geradezu zärtlich zugewandte Frau. Ich konnte in den letzten zwei, drei Jahrzehnten ihres Lebens meine Mutter umarmen, was mir früher niemals gegeben war, auch keinem anderen ihrer Kinder. Wir konnten die Gespräche führen, die ich früher immer vermisst hatte. Sie hatte eine Heiterkeit und eine Gelassenheit, die hinreißend waren. Vorbildlich. Auch mein Vater war ein großes Vorbild, ein Naturphilosoph, ein einfacher Landwirt, der sich viele gute Gedanken gemacht hat und uns ein großartiger Vater und Lehrer war. Jeden Sonntag zog er mit seiner Kinderschar in die Felder, durch die Wälder, und zeigte uns die Natur, jede einzelne Pflanze, jeden Vogel hat er erklärt. Das Kleinste von uns durfte immer auf seiner Schulter reiten. Sein Motto war immer: Das Sterben verschieben wir auf zuletzt. Und als es dann soweit war, sagte er: Schaut gut zu. Ich zeige euch jetzt, wie man stirbt. Auch meine Mutter war durch ihr bevorstehendes Ende nicht ernsthaft beunruhigt, sie war wirklich gelassen. Als klar war, dieses wird ihr letzter Tag sein, hat sie ruhig gesagt: Ich weiß, wohin ich gehe. Dann ist sie gestorben.

Wohin ging sie?

Nach ihrer Überzeugung ging sie zurück zu ihrem Mann, den sie sehr geliebt hat. Und ich habe es mir versagt, mich darüber zu stellen und zu denken: Ich weiß, dass das nicht stimmt. Nein. Vielleicht stimmt das eben doch! Vielleicht war sie klüger als unsereiner, der glaubt, nach dem Tod sei alles zu Ende.

Wenn die Mutter stirbt und der Vater schon tot ist, und man dann 60 wird, dann weiß man wirklich: Der nächste bin ich. Oder?

Ja, genau so ist es. Zu der großen Lebensleistung, die Eltern für uns erbringen, gehört auch, dass sie einen Puffer bilden zwischen uns und dem Tod. Wir müssen unser halbes Leben lang den Tod nicht ansehen, weil die Eltern dazwischen stehen. Wenn sie dann weg sind, haben wir plötzlich direkten Blickkontakt zur Grenze des Lebens. Darauf sind die wenigsten vorbereitet, und das muss man dann erst mal aushalten.

Was ist dann passiert an Ihrem 60. Geburtstag?

In der Nacht davor, Schlag zwölf Uhr hat mich eine große Unruhe überfallen und eine gewaltige Irritation, nein, ehrlich gesagt, war es die reine Verzweiflung. Die hatte ich lange nicht mehr an mir gekannt. Die ging auch am nächsten Tag nicht wieder weg, sondern blieb, über Wochen. Bis ich mir dachte: Was bringt mich hier nur wieder raus? Denken! Schreiben! So kam das erste Manuskript zustande. Das hatte noch gar nichts mit Gelassenheit zu tun. Das war ein wutentbrannter Text gegen das Älterwerden. Der hat mir gar nichts geholfen. Also weiter! Präziser! Schreib darüber, was genau dich so beunruhigt und was du brauchst, um nicht mehr so wütend sein zu müssen. Ganz langsam verstand ich dann: Gelassenheit ist das, was ich brauche, Ataraxia, also wörtlich: Nicht-Unruhe. Das ist ein großer Begriff der westlichen Philosophie, nur fast in Vergessenheit geraten in der Moderne. Und gemeint ist damit nicht simulierte Coolness, sondern die humane Tiefe und Wärme wahrer Gelassenheit.

Und wie erreiche ich diese wahre Gelassenheit?

Genau das war meine nächste Frage. Ich habe dann nach und nach zehn Schritte zur Gelassenheit zusammengetragen. Und diese Schritte habe ich versucht, auch selber zu gehen, nicht nur theoretisch, sondern praktisch vor allem. Und siehe da: Von Manuskript zu Manuskript, - es gibt ungefähr zehn bis zwanzig Entwürfe, - wurde ich selber gelassener.

Das kleine Buch, das jetzt so ein Riesenerfolg ist, war also eigentlich eine Art Selbsttherapie.

Ja, natürlich. Das werden die besten Bücher, die erst einmal dem Autor viel bedeuten. Es sind im Einzelnen ja auch gar keine Neuigkeiten, die ich zusammentrage, es sind wohlbekannte Dinge. Neu ist nur die Ausrichtung: Schau mal her! Das, was du längst kennst, wenn du das beherzigst und ernst nimmst, hat das was mit Gelassenheit zu tun. Gewohnheiten zum Beispiel machen gelassener. Gewohnheiten laufen automatisch ab. Wir brauchen dafür keine Kraft. So eine Rückzugsmöglichkeit in Gewohnheiten können wir in heutiger Zeit sehr, sehr gut gebrauchen. Oder: Beziehungen pflegen, Freundschaften, Lieben. Das macht gelassener. Ich erlebe auch immer mal wieder Anfeindungen. Was lässt mich dann mühelos widerstehen? Das Bewusstsein: Ich kann zu meiner Frau gehen. Ich kann mit meinen Kindern sprechen, mit meinen Freunden, dann ist alles schon viel besser.

Und der hyperaktive, hypernervöse, die Endlichkeit seiner Existenz verdrängende Mensch muss das jetzt nur lesen, und, schwupps, ist die Gelassenheit da?

Natürlich nicht. Eine Grundfrage des Lebens ist immer der Übergang von der Theorie zur Praxis. Ich nenne das die ‚asketische Brücke’. Das griechische Wort askesis heißt Übung. Und nur so, durch eine Askese, durch üben also, funktioniert die Umsetzung von Erkenntnis in Handeln. Ich mache etwas, aber nicht nur einmal, sondern zehnmal, hundertmal, tausendmal, Tag für Tag, Woche für Woche, bis sich das einschleift und zur zweiten Natur wird. Nur so geht das. Das verstehen viele Menschen nicht und wundern sich, warum sie nicht automatisch von der Einsicht zur Handlung kommen.

Nehmen wir doch eine Ihrer Gelassenheitsempfehlungen und spielen mal durch, wie man das macht, über die asketische Brücke zu gehen.

Gut. Berührung zum Beispiel. Berührungen, das können Menschen sehr leicht theoretisch einsehen, machen gelassener. Ein Mensch braucht nur die Hand eines vertrauten Menschen in seine Hand zu nehmen und es durchpulst ihn eine neue Energie, in der Berührung geht die Energie hin und her. Das kann man üben. Je intensiver die Berührung wird, bis hin zur erotischen Berührung, desto stärker der wechselseitige Energiefluss.

Das ist ja mal eine wunderbare Askese, und eine leichte Übung.

Ja, natürlich. Es muss erst mal eine leichte Übung sein. Es hat keinen Sinn, gleich mit den schweren Dingen anzufangen. Üb erst mal mit Schokolade. Du willst dich darin üben, nicht mehr so viel Schokolade zu essen, weil sie deinem Körper nicht gut tut. Verzichte nicht gleich auf die ganze Schokolade. Mache eine Rippe weniger pro Tag. Und in einem Monat bist du dabei, dass die letzte Rippe nur noch übrig bleibt. So lernst du, dich zu üben. Und wenn du Üben gelernt hast, dann kannst du das auf schwierigere Dinge anwenden. Übe dich zum Beispiel darin, nicht mehr so zornig zu sein. Das ist sehr viel schwerer. Dazu muss man das Üben geübt haben, dann lässt sich das auch auf den Zorn übertragen. Jeden Tag ein zorniges Wort weniger.

Also: Gestern war ich zehnmal zornig, heute nur neunmal.

Genau. Und genauso wie bei der Schokolade ist das Ziel niemals, ganz auf den Zorn zu verzichten. Das ist zu viel. Der Zorn soll bleiben. Zorn ist eine vitale Lebensäußerung, so wie Schokolade eine wunderbare Genussangelegenheit ist. Es geht nur darum, das vernünftige Maß zu finden.

Der letzte ihrer zehn Punkte handelt von Transzendenz, davon, dass wir unsterblich sind gewissermaßen, weil auch nach dem Tod unsere Energie erhalten bleibt. Ehrlich gesagt, bin ich an dieser Stelle ihres Buches ausgestiegen. Das liest sich tröstlich, aber irgendwie glaube ich nicht daran. Und ich hatte das Gefühl, Sie selber glauben auch nicht dran.

Uns bleibt an diesem Punkt nur glauben. Glauben heißt: nichts wissen. Und wir wissen darüber nichts. Statt glauben kann man auch sagen: deuten. Die eigene Deutung des Lebens ist der oberste Gerichtshof der Existenz.

Sie waren neun Jahre „philosophischer Seelsorger“ in einem Schweizer Krankenhaus. Ist das ein bestehendes Amt, eine Institution?

Kein Amt. Das war eine neue Erfindung, ein Vorschlag der leitenden Ärzte in einem Krankenhaus in der Nähe von Zürich, den ich erst für idiotisch hielt. Am Anfang dachte ich: Was soll denn ein Philosoph im Krankenhaus? Inzwischen frage ich mich: Wie kommen eigentlich alle anderen Krankenhäuser ohne Philosophen aus? Ich bin da in kürzester Zeit überrannt worden von allen, buchstäblich allen im Krankenhaus, nicht nur den Patienten, sondern auch dem Personal und den Ärzten. Es war rundum ergiebig und kreativ und produktiv.

Haben Sie da Menschen sterben sehen?

Ja. Und das war in jedem Fall sehr, sehr eindrucksvoll. Es ist ungeheuer eindrucksvoll, wenn menschliches Leben zu Ende geht und dieses Mysterium geschieht, dass ein Mensch gerade noch gesprochen und gehandelt und sich bewegt hat. Und ab dieser Millisekunde nicht mehr. Ich erkläre mir das so, dass in diesem Moment die Energie aus einem Körper entweicht, die ihn das ganze Leben hindurch getragen hat, und dass diese Energie mutmaßlich das Wesentliche und Eigentliche des Lebens - und unsterblich ist. Sterblich ist der Körper. Unsterblich ist diese Energie. Das ist meine Annahme.

Wo bleibt diese Energie nach dem Tod?

Alle Atome und Moleküle des Körpers gehen in andere Atome und Molekülverbände über. Mit der Energie der Seele könnte es sich ähnlich verhalten. Wenn der Energieerhaltungssatz stimmt, geht nichts von dieser Energie verloren. Beim Sterben fließt die Energie eines Menschen ins Meer der kosmischen Energie zurück, aus dem heraus neue Formen des Lebens mit Energie gefüllt werden. Das Leben erholt sich im Seinsschlaf für ein anderes Leben.

Dann müsste ja die Gesamtenergie der Erde oder des Kosmos irgendwann explodieren oder platzen, weil mit jedem Geschöpf neue Energie hinzukommt.

Ich weiß darüber nichts. Ich denke nur darüber nach. Ich stelle mir vor: Es ist eine Gesamtheit von Energie, die ungeheuerlich groß ist. Man kann im Grunde dazu auch Gott sagen. Eine Gesamtheit von Energie, die dem Wesen, das neu entsteht, nun zur Verfügung steht, um daraus die Energie zu pflücken oder aus dieser Quelle das Quantum zu beziehen, das dieses Wesen nun braucht. Mit seinem Tod gibt das Wesen dieses Quantum zurück, und es steht wieder einem anderen Wesen zur Verfügung. Insofern ist es ein Kreislauf. Soweit ich die Natur beobachte, lebt die immer in Kreisläufen. Wie kommt es zu dieser komischen Ansicht moderner Menschen, sie wären abgekoppelt von diesem Kreislauf? Das überzeugt mich gerade nicht. Und da ich Philosoph bin, nenne ich diese Energie eben nicht vorzugsweise Gott, sondern Sein. Das Sein ist wesentlich ein Möglich-Sein. Das ist vermutlich auch die zutreffendste Beschreibung für Energie. Energie ist immer ein Potenzial für etwas, das geschehen kann. Es ist noch nicht das Geschehen selbst, sondern das Potenzial für dieses Geschehen. Während wenn etwas geschieht, diese Möglichkeit also aktualisiert wird, dann entsteht wirklich etwas. Das können wir dann Da-Sein nennen oder Wirksam-Sein oder wie auch immer. Das, was im Tod möglicherweise geschieht - wohl gemerkt: Ich konstatiere keine Wahrheit, ich reflektiere nur und denke darüber nach -, ist, dass wir zurückkehren in diesen reinen Seins-Zustand der Potenzialität und insofern einen Seins-Schlaf erleben, der aber nicht der Tod des Seins ist, sondern nur seine Regeneration, so dass es wieder zu einem neuen Da-Sein kommen kann.

Jetzt habe ich es durch mein Fragen kompliziert gemacht. In Ihrem Buch ist das alles viel einfacher und schlichter dargestellt. Wenn man für Ihre Bücher und Vorträge die Vokabel ‚Ratgeber’ benutzt, ist das für Sie eine Beleidigung?

Nein, das ist eine zutreffende Beschreibung. Die Frage ist nur: Was ist ein Ratgeber? Ein Ratgeber, der anderen sagt, was sie zu tun haben, der hat seinen Beruf sicherlich verfehlt. Ein Ratgeber ist einer, der dem, der Rat sucht, zeigt: Schau mal, das ist das, worum es hier wahrscheinlich geht, und das sind - unter deinen Bedingungen - deine Möglichkeiten; nun wollen wir die Möglichkeiten durchdiskutieren, damit du zu einer Auffassung kommst, zu der stehen kannst. Du musst selbst entscheiden. Nicht ich, der Ratgeber, kann dir das abnehmen, das ist eben nicht die Aufgabe eines Ratgebers. Das verstehen einige nicht.

Führt dieses Ratgeben und Seelsorgen dazu, dass Sie von anderen Philosophen nicht anerkannt werden? Dass die sagen: Das ist ja gar nicht Philosophie, was der macht?

Ich bin Professor der Philosophie. Punkt.

Sind die vielleicht auch ein bisschen neidisch?

Ja, mag sein, Neid gibt es. Aber der ist produktiv. Sollen sie doch selber gute Bücher schreiben.

Es hat jedenfalls offenbar einen interessanten Einfluss auf die Gelassenheit, wenn man die die Nummer Eins der Bestsellerliste ist.

Das Stimmt. Dieses Bayern-München-Gefühl, die Tabelle von oben nach unten angucken, das tut der Gelassenheit besonders gut.

 

Zur Person

Nach einer Lehre als Schriftsetzer und vier Jahren bei der Bundeswehr holte der Bauernsohn Wilhelm Schmid am Augsburger Bayernkolleg das Abitur nach, studierte Philosophie und Geschichte an der FU Berlin, der Pariser Sorbonne und der Universität Tübingen. Seine Doktorarbeit schrieb er über Michel Foucault. Er folgten Lehraufträge in Leipzig, Berlin, Erfurt, Jena, Riga und Tiflis, Schmids Habilitationsschrift trägt den Titel „Grundlegung zu einer Philosophie der Lebenskunst“. Von 1998 bis 2007 arbeitete er regelmäßig als „philosophischer Seelsorger“ am Spital Affoltern am Albis. Seine Lebenskunst-Bücher wurden in 14 Sprachen übersetzt. Das neuste, ein kleines, Rotes mit dem Titel „Gelassenheit: Was wir gewinnen, wenn wir älter werden“ ist im Insel Verlag erschienen und steht seit Wochen ganz oben auf der Bestseller-Liste.

 

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