"Zu viel Ruhe wäre zynisch"

Essay in: Brigitte, Heft 1 (2015), Dossier "Wie halten wir die Welt noch aus?"

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WILHELM SCHMID

 

Kann man gelassen sein angesichts der beunruhigenden Geschehnisse in der Welt? Die Frage wird mir jetzt oft gestellt. Im Frühjahr 2014, als die Krisen in der Ukraine, in Westafrika, im Irak und in Syrien zu kulminieren begannen, publizierte ich ein Buch: „Gelassenheit – Was wir gewinnen, wenn wir älter werden“. Ein Überraschungserfolg. Nicht auszuschließen, dass das etwas mit den Weltläuften zu tun hat: Wäre es nicht schön, jetzt mehr Gelassenheit zu haben? Die Gelassenheit verspricht mehr Ruhe, wenigstens im eigenen Inneren, aber soll das auf Ignoranz und Untätigkeit gegenüber äußeren Verhältnissen hinauslaufen?

Am besten, ich verstecke mich nicht hinter einem anonymen Man, also deutlicher: Kann ich gelassen sein? Bisher ja, aber ignorant und untätig will ich nicht sein. Das Gefahrenpotenzial ist zu groß und zuviel Ruhe wäre zynisch angesichts des Leids, das viele Menschen erfahren. Auch eine so erstrebenswerte Haltung wie die Gelassenheit kann zum Problem werden, wenn sie totalisiert wird und zu einer Scheinruhe führt, wo Unruhe ratsamer wäre. Auch die Gelassenheit muss atmen können: Mal ist sie da, einatmen, dann ist sie weg, ausatmen. Jetzt ist sie dabei zu kippen, ich werde unruhig und beginne mir selbst Fragen zu stellen: Wie kann ich mich und die Meinen
schützen? So weit ist es noch nicht. Noch. Und was kann ich in der gegenwärtigen Situation tun, um Betroffenen zu helfen?

Die ehrliche Antwort ist wohl: Wenig. Aber wenig ist schon mehr als nichts. Und was genau kann ich tun? In Bezug auf Ebola kann ich erst einmal den Mut vieler Freiwilliger bewundern, die sich für einen Hilfseinsatz melden. Würde ich ebenfalls soviel Mut aufbringen, wenn ich für einen Einsatz qualifiziert wäre? Mit der Verantwortung für eine Familie zuhause? Zweifelhaft. Was ich jedoch tun kann: Aus den gelegentlichen Spenden für „Ärzte ohne Grenzen“, deren Arbeit mir schon lange imponiert und die auch in diesem Fall sehr früh vor Ort waren und die Lage richtig einschätzten, häufigere Überweisungen zu machen. Und was die Ukraine angeht, beeindruckt mich die Idee der deutschen Regierung, mit Lastwagenkonvois viele Heizöfen dorthin zu bringen, wo sie unabhängig vom russischen Gas funktionieren. So einen bezahle ich auch gerne, wo kann ich mich dafür anmelden?

Ein schlechtes Gewissen muss niemand haben. Es geht hier nicht um Moral, sondern um Klugheit, die Suche nach praktikablen Lösungen und einen angemessenen eigenen Beitrag dazu. Wenn jemand keinen Beitrag leisten kann
oder will, dann ist das halt so. Die Schwelle zur Hilfsbereitschaft ist auch für mich nicht immer klar: Wäre ich bereit, mehr als nur ein bisschen Geld zu geben, beispielsweise meine eigene Wohnung für Flüchtlinge aus Syrien
oder Asylsuchende aus Afrika zu öffnen? Jetzt noch nicht, aber wenn die Ströme weiter anschwellen… Ich denke darüber nach, wie das familienintern zu organisieren sein könnte. Und als Staatsbürger auch darüber, wieviele
Bedürftige die Gesellschaft insgesamt verkraften kann, ohne auseinanderzubrechen, womit niemandem geholfen wäre.

Klugheit heißt, beim Eigeninteresse anzusetzen. Das ist verpönt, aber heimlich macht das jede und jeder, denn dann sieht die Welt gleich etwas überschaubarer aus. Eigene Sorgen dürfen ernstgenommen werden, die kleinen
alltäglichen wie die größeren in Bezug auf das Weltgeschehen. Aus Eigeninteresse orientiere ich mich aber auch an der Goldenen Regel, die leichter zu verstehen und einfacher zu handhaben ist als komplizierte moralische Erwägungen: Was würde ich mir wünschen, wenn ich selbst in eine missliche oder gar lebensbedrohliche Lage geriete? Dass Andere sich nicht abwenden? Dann ist es eine gute Idee, das jetzt selbst ebenfalls nicht zu
tun, denn wer weiß, wann ich meinerseits auf Andere angewiesen bin. Das halten zwar viele für undenkbar, aber die Lebenserfahrung und historische Erfahrungen zeigen, dass es nicht unmöglich ist.

Viele wenden sich dennoch ab. Kann das etwas damit zu tun haben, dass sie sich seit einiger Zeit nur noch für ihr Glück interessieren? Dass sie sich von allen möglichen Ratgebern einreden lassen, Glück sei das Wichtigste im
Leben, ohne Glück lohne sich das Leben gar nicht mehr? Und was ist Glück? Es heißt, es sei in der Zufriedenheit zu finden. Ein neues Ereignis hat an Bedeutung gewonnen, das frühere Jahrzehnte und Jahrhunderte nicht kannten; Jahr für Jahr wird es von Medienrummel begleitet: Der so genannte „Glücks-Atlas“ wird publiziert. Ihm kann das staunende Land den Pegelstand seiner Zufriedenheit entnehmen, ob das hohe Niveau noch ein Zehntelprozent höher gerutscht ist, ob die Münchner zufriedener sind als die Hamburger, die Schwaben weniger zufrieden als die Schleswig-Holsteiner, der Westen zufriedener als der Osten. Ach Deutschland, sind das deine Sorgen?

Es war lange schon zu befürchten: Dieses Glück ist asozial. Die Glückssuchenden sind nur noch um ihr Glück besorgt. Es ist ja schön, wenn es auch mal Wohlgefühl und Zufriedenheit im Leben gibt, jede und jeder soll das
genießen können. Aber das ist nicht ohne Unterlass möglich, bestenfalls gibt es Teilzeitglückliche, da auch das Glück zwischendurch immer wieder ausatmen muss. Die um Vollzeit Bemühten stehen in Gefahr, den Sinn für soziale, ökologische und politische Probleme zu verlieren. Sogar dann, wenn ihnen im eigenen Freundeskreis jemand begegnet, der „nicht gut drauf ist“, bescheiden sie ihm gerne: „Du ziehst mich runter“, ein Grund für eine Kontaktsperre, kein Gedanke daran, dass sie selbst übermorgen des Zuspruchs bedürftig sein könnten. Stellen wir uns etwa so das Zusammenleben in Gesellschaft vor?

Wer immer nur zufrieden sein will, kann keine Störung mehr verkraften, nicht im Privaten, nicht im Politischen. Dabei weiß doch jede und jeder, dass das Leben nie nur aus Zufriedenheit besteht, immer auch aus Unzufriedenheit, nie nur aus Glück, immer auch aus Unglücklichsein. Dass schon zwischen zweien immer wieder „etwas dazwischenkommt“, Ärger, Disharmonie, vielleicht Streit. Das Leben kennt nicht nur das Positive, nie nur Freude, Harmonie, Frieden. Es ist erfüllt von Polarität, daraus bezieht es seine Spannung. Was wäre, wenn es nur noch schöne Seiten gäbe? Menschen brauchen Herausforderungen, um sich und das Leben zu spüren, sich weiterzuentwickeln und nicht vorzeitig einzuschlafen. Herausforderungen zu bewältigen, das ist wahre Lebenskunst.

Wie soll es nun weitergehen? Hilfreich wäre, sich vom Ideal des Ewigen Friedens zu verabschieden, sowohl zuhause als auch in der Weltgesellschaft. Warum die hartnäckige Parallelisierung des Kleinen und Großen? Weil viele etwas von „der Welt“ erwarten, was sie zuhause schon mit 2, 3, 5 Menschen nicht zustandebringen. Wie soll das mit sehr viel mehr und gegensätzlicheren Menschen zur Zufriedenheit aller funktionieren? Die universelle Harmonie wird unter menschlichen Bedingungen nie zu verwirklichen sein, denn so spielt das Leben nicht. Das ist kein Argument gegen Versuche zur Weltverbesserung. Aber ein Argument gegen Illusionen eines künftigen Endsieges gegen alles Negative dieser Welt.

Depressiv werden jetzt vor allem diejenigen, deren Maßstab das gelingende Leben ist. Sie versuchen sich abzuschotten gegen alles Negative, das ein Misslingen herbeiführen könnte, und kommen doch nicht dagegen an. Der kleinste Einbruch des Negativen deprimiert sie, erst recht der größere. Eine kleine Änderung der Haltung würde alles ändern: Wer bereit ist, die Existenz des Negativen anzuerkennen, kann sich pragmatischer um die jeweiligen
Probleme im Alltag oder in der Weltpolitik kümmern. Er oder sie muss nicht mehr verzweifeln, wenn der Lack der Zufriedenheit und Selbstzufriedenheit Kratzer abbekommt.

Ist es aber wenigstens in Ordnung, angesichts der Überfülle schlechter Nachrichten gar keine Nachrichten mehr sehen, hören, lesen zu wollen? Ja, natürlich, es ist sinnvoll, Grenzen zu ziehen, vor allem dann, wenn Übeltäter uns bestialische Bilder ins Hirn brennen wollen. Hier ist es angebracht, die Augen zu verschließen. Aber nein, es ist nicht sinnvoll, überhaupt nichts mehr wahrnehmen zu wollen. Den Kopf dauerhaft in den Sand zu stecken, war noch nie eine Lösung. Was dann? Die immer neue Bereitschaft, für einen Moment innezuhalten und nachzudenken über die eigene Weltsicht, die vielleicht korrekturbedürftig ist.

Beispielsweise darüber, dass viele von uns bis vor kurzem von einer Armee nichts mehr wissen wollten. Wozu braucht man die noch, wenn man überall auf der Welt von Freunden umstellt ist? Nun aber entrüsten wir uns plötzlich sehr heftig über Rüstungsmängel! Wie bitte? Seien wir ehrlich: Diese Mängel haben auch etwas mit dem eigenen Glauben an das Ende gewaltsamer Auseinandersetzungen zu tun. Aber nicht alle in dieser Welt träumen vom Weltfrieden. Wie wertvoll erscheint da doch klammheimlich das hochgerüstete Potenzial einer ansonsten verachteten Weltmacht: Gegen Ausbrüche von organisierter Bestialität helfen nun mal am besten Panzer und Bomben, diplomatische Depeschen eher nicht.

Die Geschichte lehrt uns, dass es besser ist, gegen alle Eventualitäten gewappnet zu sein. Die persönliche Erfahrung zeigt, dass ein einziger „Stinkstiefel“ in einer Gruppe ausreicht, um den Frieden zu stören, und was
dann? Gelassen kann am besten derjenige bleiben, der mögliche Störfälle von vornherein miteinbezieht und Antworten darauf vorbereitet, selbstverständlich erst einmal mit friedlichen Mitteln. Er muss sich dann nicht lange damit herumschlagen, dass sein Weltbild aus den Fugen gerät und sein Glück in Gefahr ist. Er kann sich auf die Suche nach den gangbarsten Lösungen machen, sei es im kleinen alltäglichen Leben oder bei größeren Herausforderungen in der Welt. Kann sein, dass wir in der aktuellen Situation für eine Weile noch Zuschauer bleiben können. Aber hoffentlich welche, die menschliches Interesse zeigen und sich nicht angewidert abwenden.

Was bedeutet das für mich? Das ist die entscheidende Frage.

 

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