"Von den Freuden des Älterwerdens"

Beitrag im Magazin FOCUS, 2. September 2017

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WILHELM SCHMID

 

Es hat eine Weile gedauert, aber nun freue ich mich darüber, älter zu werden. Denn wenn ich mich nicht freue, werde ich auch älter (frei nach Karl Valentin). Sollte ich das Älterwerden nicht wahrhaben wollen, werde ich ebenfalls älter. Sogar dann, wenn ich Anti-Aging betreibe, geht das Aging seinen Gang. Also lieber freuen statt sinnlos dagegen ankämpfen. Und Gewinn aus dem ziehen, was viele als Verlust wahrnehmen. Gewinn? Wo ist der versteckt?

Mitten im Leben. Da sieht ihn keiner. Das Leben verläuft in Phasen. Zum Gewinner wird der, der sich auf die jeweilige Phase einstellt und sich nicht als 50-Jähriger Dinge abverlangt, die eher die Sache eines 30-Jährigen sind. Standen in der Erwartungsphase bis etwa 25 viele Möglichkeiten offen, neigt sich um die 50 herum die Stressphase dem Ende zu. Stressig, weil in ihr mehrere wesentliche Dinge zugleich verwirklicht werden müssen, bevor es zu spät ist: Familie, Karriere, Liebhabereien. Das Einstimmen von Körper, Seele und Geist auf die neue Lebensphase geht mit spürbaren Turbulenzen einher. Es folgt das allmähliche Älterwerden bis etwa 75, das gesteigerte Älterwerden bis etwa 100, das hohe Alter bis etwa 125, vorläufig.

In welcher Phase bin ich selbst jetzt? Eben, Älterwerden, allmählich. Die Noch-Phase. „Sie sehen ja noch gut aus für Ihr Alter!“ „Sie sind ja noch fit!“ „Toll, dass Sie das noch im Kopf rechnen können!“ Tatsache. Mit Freuden nutze ich die Zeit des Noch: Noch kann ich einen Freund anrufen, um mit ihm vertraut zu plaudern. Noch bleibt Zeit für eine Entschuldigung, wenn ich in der Stressphase jemandem auf die Füße getreten bin. Noch ist es möglich, Danke zu sagen, etwa den Eltern. Noch kann ich „etwas zurückgeben“. Und ich nehme mir vor, nichts mehr ewig aufzuschieben, was mir wichtig ist. Was ich nicht gleich tun kann, bekommt ein Datum, um nicht für immer im „Irgendwann“ zu verschwinden. Meiner Frau gefällt das.

Großer Gewinn des Älterwerdens: Der Stress lässt nach. Ich werde nicht mehr wie einst von der Unruhe umgetrieben, was aus mir mal werden soll. Egal, ob ich zufrieden oder unzufrieden damit bin: Etwas ist aus mir geworden. Was damals im Nebel vor mir lag, hat klare Konturen gewonnen, die hinter mir liegen. Jetzt blicke ich zurück: Was war mein Leben? Was lief gut, was nicht, was ist gelungen, was misslungen? Um dann zur Einsicht zu kommen: Das ist meine Geschichte. Gerade oder krumm, alles gehört dazu. Es ist unverwechselbar. Weltkulturerbe. Jetzt ist nur noch zu klären: Bleibt noch etwas offen? Was hatte ich mir erhofft, ersehnt? Worauf kommt es mir für den mehr oder weniger großen Rest des Lebens an? Was kann ich dafür tun? Oder sind mir Gewohnheit, Vertrautheit, Verlässlichkeit, Kontinuität wichtiger geworden?

Lieb gewordene Gewohnheiten helfen, die langsam schwindenden Kräfte aufzufangen. Die Voraussetzung dafür ist nur, mich von der modernen Verachtung von Gewohnheiten zu lösen. Natürlich soll es weiterhin viel Offenheit für Neues geben, aber die beste Basis dafür ist das Altbekannte. Der Gewinn der Gewohnheiten liegt darin, ohne Kraftaufwand in ihnen Atem schöpfen zu können und nicht ständig alles neu entscheiden zu müssen. 

Entgegen anders lautenden Meldungen ist es auch beim Älterwerden noch möglich, Lüste zu genießen, sogar bewusster als je zuvor. Mehr Zeit steht dafür zur Verfügung, und willkommener als früher sind die vielen kleinen Lüste, die sich jetzt erst hervorwagen, da die orgiastischen Orkane vorübergezogen sind. Die Befriedigung der Appetite auf Essen, Trinken, Sex und Geselligkeit, beim jüngeren Menschen oft eine Frage der Quantität, verlegt sich beim älteren mehr auf Fragen der Qualität. Ein sehr guter Tropfen statt irgendeine ganze Flasche. Und es ist ein Privileg des Älterwerdens, nicht mehr jeder Lust hinterherrennen zu müssen.

Auch die Lust der Muße lässt sich pflegen. Sie kommt dem Nachdenken über das Leben und der Pflege von Beziehungen zugute, besonders dem Dasein für die Heranwachsenden. Wie ein Kind kann ich mich selbst den Dingen widmen, die mich interessieren und faszinieren. Alles ist Kür, nichts mehr Pflicht, das macht mich kreativer und produktiver als zu Stresszeiten. Carpe diem, genieße den Tag – jetzt ist die Zeit dafür da, auf diese Weise zu leben, die ein halbes Leben lang nur ein Traum war. Aber ich bin damit einverstanden, dass die Formel nicht heißt: Genieße jeden Tag. Denn es gibt ungenießbare Tage, an denen die Zipperlein und Gebrechen spürbarer werden, die nun mal ein Teil des Älterwerdens sind. Auch die ungenießbaren Tage sind für etwas gut: Sie machen die genießbaren wertvoller.

Die Gelassenheit zu entdecken, ist der größte Gewinn des Älterwerdens: Vieles lassen zu können und frei zu sein von allzu großer Unruhe. Ein Gewinn ist die Gelassenheit in jeder Lebensphase, es ist nie zu früh, sich darin zu üben. Aber sie zu gewinnen, fällt leichter beim Älterwerden, das bestens dafür geeignet ist, diese Ressource des Lebens neu zu erschließen. Jetzt steht nicht mehr alles auf dem Spiel. Die Hormone haben sich merklich beruhigt. Der Schatz der Erfahrungen ist größer, der Blick weiter, die Einschätzung von Menschen und Dingen treffsicherer geworden. Das ist ein Gewinn nicht nur für mich, sondern auch für die Menschen in meiner Umgebung, die an meiner Gelassenheit Freude haben. Mit wachsender Zahl von Älteren, die an der Gelassenheit Gefallen finden, wird sie außerdem zum Gewinn für die moderne Gesellschaft, die auf diese Weise weniger hektisch wird. Ist das nicht eine attraktive Alternative zum Altersstress, unbedingt noch einen auf „jung“ machen zu müssen?


 

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