Religionen geben Antworten. Aber was war noch mal die Frage?

Worum es beim House of One geht

 

Vortrag zur Grundsteinlegung des House of One in Berlin am 27. Mai 2021, gekürzt publiziert in der NZZ vom 5. Juni 2021

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Woher kommen wir? Wie sollen wir leben? Wie können wir zusammenleben? Wohin gehen wir nach dem Tod? Der Mensch ist das Wesen, das Fragen hat. Wohl schon in prähistorischer Zeit begannen Menschen mit erwachendem Bewusstsein, nach Antworten zu suchen. Religionen entstanden aus den gefundenen Antworten, gefunden von Menschen, die anonym in den Tiefen der Geschichte verschwanden oder Namen tragen wie Abraham, Jesus, Mohammed. Die jeweiligen Antworten wurden für verbindlich erklärt und sollten lange in der Geschichte nicht mehr in Frage gestellt werden. Wer noch Fragen hatte, machte sich verdächtig. Auch schon ein Sokrates. Auch ein Galilei. Die Antworten wurden notfalls mit Daumenschrauben durchgesetzt. Die Gesellschaften waren durchdrungen von Responsivität.

 

Dabei blieb es nicht, jedenfalls nicht in der Moderne, wie sie sich in Europa und Nordamerika entwickelte. Siginifikant für die Moderne ist die Quaestionabilität, die Fragwürdigkeit von allem und jedem, die sich seit der Aufklärung im 18. Jahrhundert durchgesetzt hat. Galt in vormoderner Zeit, dass alle, die noch Fragen hatten, sich verdächtig machten, so gilt in der Moderne: Wer jetzt noch Antworten hat, macht sich verdächtig. Kein Ratgeber kann sich daher lange halten. Jede Antwort wird sofort wieder auf Fragwürdigkeiten durchforstet. Ein Ende ist nicht abzusehen. Auch wenn die Menschen noch so sehr auf Antworten hoffen, kehren sie sofort wieder zu den Fragen zurück, vielleicht aus Angst vor zu viel Gewissheit.

 

Im House of One, das nun in Berlin gebaut wird, geht es einerseits um die unterschiedlichen Antworten, wie die drei Weltreligionen sie gegeben haben, die in der Geschichte und Gegenwart Berlins eine bedeutende Rolle spielen. Aber es geht auch um die Fragen, die zugrundeliegen und historisch der Grund für die Suche nach Antworten waren. Diese Fragen sind für alle von Interesse, die sich für die Herkunft einer bestimmten Religion und der Religion überhaupt interessieren, erst recht aber für alle, die die bereits gegebenen Antworten nicht einfach übernehmen wollen. Es sind die Fragen, die den Menschen innerhalb und außerhalb von Religionsgemeinschaften gemeinsam sind. Sich auf sie zu besinnen, könnte helfen, bei aller Betonung der unterschiedlichen Antworten die gemeinsame Basis des Fragens nicht zu vergessen. Also fragen wir.

 

1. Was ist das Wesentliche?

 

Gut vorstellbar, was einst das Paradies war: Sich über nichts Gedanken machen zu müssen. Damit war es irgendwann in der Evolution des Menschen vorbei. Das Staunen, Sichwundern und Sorgenmüssen setzte ein. Menschen beobachteten, dass Mond und Sterne am Himmel sich regelmäßig bewegen, dass die Sonne zuverlässig wiederkehrt und mit ihr das Wachstum, das das Leben sichert. Wer oder was hat das alles geschaffen? Welche Kraft bestimmt darüber und hält das alles zusammen? Das Wesentliche, das in allem wirksam ist, stand in Frage. Es war und ist eine existenzielle Frage: Was sind die Grundlagen des Lebens? Aus guten Gründen machten sich Menschen darüber sehr früh schon Gedanken, denn diese Grundlagen waren besonders zu beachten und aufmerksam zu pflegen. Achtung und Pflege wurden in religiöse Vollzüge eingebaut. So entstand Religion. Wenn sich das Wort vom lateinischen Verb relegere, „sorgsam beachten“, ableiten lässt, dann aus diesem Grund: Es geht um die Achtsamkeit für etwas, das als wesentlich erscheint, weil das Leben davon abhängt.

 

Die Frage nach dem Wesentlichen stellt sich auch unabhängig von der Ausprägung der jeweiligen Antwort in einer Religionsgemeinschaft. Damals wie heute ist sie von Belang für die Lebensführung. Wenn ich zum Beispiel die Familie für wesentlich halte, weiß ich, was ich in meinem Leben zu tun habe. Halte ich die Erhaltung des Ökosystems für wesentlich, kann ich die eigene Lebensführung daran orientieren, sodann auch politische Forderungen dazu formulieren und bei Wahlen zur Geltung bringen. Dass die Natur die Grundlagen des Lebens zur Verfügung stellt und die Menschen dafür dankbar sein sollten, war für Naturreligionen das Wesentliche und ist es für indigene Kulturen nach wie vor. Wo die Frage nach dem Wesentlichen, das alles belebt und auch das Nichtbelebte durchwirkt, heute neu aufbricht, ist säkular meist eine Ökologisierung die Antwort, religiös wird die Bewahrung der Schöpfung als Aufgabe wiederentdeckt, die lange vernachlässigt worden war. Kaum ist jedoch eine allgemeine Antwort gefunden, stellen sich detailliertere Fragen der Lebensführung.

 

2. Wie sollen wir leben?

 

In Religionsgemeinschaften gab es immer schon präzise Vorstellungen dazu bis ins letzte Detail, was etwa die Ernährung betrifft: Lebensmittel müssen koscher sein, freitags soll kein Fleisch gegessen werden oder eine bestimmte Art von Fleisch muss durchgängig gemieden werden. Genauso präzise sind heute die Weisungen der diversen Ernährungsratgeber, die von den Anhängern der jeweiligen Lehre penibel befolgt werden: Kein Fleisch oder kein rotes Fleisch oder auf keinen Fall etwas von Tieren, in jedem Fall Omega-3-Fettsäuren. Im frühen Christentum waren es genaue Ausführungen des Kirchenvaters Clemens von Alexandrien im Buch Paidagogos, die über Jahrhunderte hinweg das christliche Alltagsleben bestimmten. Für wesentlich hielt er selbstredend die Beziehung zu Gott, aber was hieß das für das irdische Leben? Das künftige Heil war an das richtige Verhalten im Leben gebunden, also waren Fragen zu beantworten: Was sollen wir essen? Was sollen wir trinken? Wann und wie sollen wir Sex haben? Wenn die damaligen Antworten zum Teil drollig erscheinen, sollten wir uns darüber klar sein, dass eine künftige Zeit auch einmal über heutige Antworten lächeln wird.

 

Insbesondere die Sexfragen haben es in sich, darauf geben die drei Weltreligionen Antworten. Auslegungen im Talmud sehen im Sex einen Vorgeschmack auf kommende herrliche Zeiten (Berachot 57b). Die Al-Azhar Universität von Kairo, die auf Glaubensfragen im Islam zu antworten hat, verurteilte 2018 beispielsweise sexuelle Übergriffe von Männern auf Frauen. Und päpstliche Sendschreiben trachten immer wieder danach, Verhütung zu verbieten. Auch außerhalb von Religionsgemeinschaften sind Menschen der Notwendigkeit ausgesetzt, auf Sexfragen zu antworten. Sehr häufig kommt es noch dazu vor, dass zwei Menschen, die in Beziehung miteinander sind, individuell unterschiedliche und gegensätzliche Antworten finden, erfahrungsgemäß eine schwierige Situation für das gemeinsame Leben.

 

Viele kleine und große Lebensfragen stellen sich mit und ohne Religion, die für den praktischen Lebensvollzug zu beantworten sind, auch ohne endgültige Antworten finden zu können: Was ist Glück? Wie ist ein Unglücklichsein zu bewältigen? Welchen Sinn hat das Leben? Wie kann ich ein gutes Verhältnis zu mir selbst gewinnen, ohne dem Narzissmus zu verfallen? Wie kann ich den Tag sinnvoll einteilen, wie können Arbeiten aufgeteilt werden? Wann will ich mit wem aus welchem Anlass und auf welche Weise Feste feiern? Welche Bedeutung hat ein Phänomen wie Berührung für das Leben? Wie erreiche ich mehr Gelassenheit? Wie kann ich mit dem Älterwerden und der Endlichkeit des Lebens zurechtkommen? Wie verhalte ich mich, wenn ich mit nahestehenden oder fernen Menschen nicht einer Meinung bin? Wie lässt sich ein Streit beilegen? Was ist Liebe und wie kann sie gelingen? Wie wichtig ist Freundschaft, wie kann ich sie finden und bewahren? Wie kann ich mit Feindschaft umgehen, nach der ich nicht gesucht habe? Wie wird das Ich zum Wir?

 

3. Wie können wir zusammenleben?

 

Das ist die Frage, die Menschen heute umtreibt, sich vor Jahrtausenden aber schon Moses stellte. Die Zehn Gebote waren und sind eine Antwort darauf, unwichtig, ob sie aus einem einzigen Akt oder aus einem jahrhundertelangen Prozess resultierten. Die meisten Menschen dürften zustimmen, dass eines dieser Gebote die absolute Basis für das Zusammenleben in Gesellschaft ist: „Du sollst nicht töten!“ Strittig könnte sein, ob sich wirklich kein Begehren auf Andere außerhalb einer festen Beziehung richten darf, unstrittig aber wohl, dass aus der Anarchie des Begehrens eine Menge Probleme für das Zusammenleben resultieren. Unstrittig auch, dass ein Verzicht aufs Stehlen dem Zusammenleben förderlich wäre. Misslich aber, dass trotz göttlicher Autorität nicht alle die gegebenen Antworten für verbindlich halten. Das zwingt Gesellschaften dazu, mit Sanktionen vorweg abzuschrecken und hinterher zu strafen.

 

Auf 3. Mose 19 beziehen sich die Evangelien mit dem zentralen Gebot: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ (agapēseis ton plēsíon sou hōs seautón, Matthäus 19, 19 und 22, 39; Lukas 10, 27). Agape ist jedoch keine Liebe im engeren Sinne, eher eine Zuwendung zu Anderen auf eine Weise, die Menschen sich auch selbst zugute kommen lassen sollten, geprägt von Interesse, Aufmerksamkeit, Wohlwollen und Nachsicht. Das kann aus christlicher Sicht die Basis des Zusammenlebens sein, gesteigert noch durch die Feindesliebe, die als Spezialfall der Nächstenliebe jede Eskalation einer Auseinandersetzung vermeiden soll, die Menschen beziehungsunfähig und rachsüchtig macht. Der Versuch zur Überwindung von Feindschaft mit Mitteln der Zuwendung kann gleichwohl nicht immer verhindern, dass Feindschaft entsteht und an ihr festgehalten wird. Dann kann am ehesten eine pragmatische Lebensklugheit weiterhelfen, die auf prinzipielle Klärungen verzichtet.

 

Wie sollen wir zusammenleben? Mit sehr viel Toleranz. Die Anerkennung, dass andere Menschen anders glauben oder gar nicht glauben, dass Menschen überhaupt unterschiedlich sind, findet im Koran die unschlagbare Begründung, dass Allah es ja anders hätte erschaffen können, wenn er es anders hätte haben wollen. Die Toleranzlehre des Islam ermöglichte ein Goldenes Zeitalter im Mittelalter im maurischen Spanien al-Andalus, mit einer Wissenskultur von Muslimen und Juden, die noch heute viel Bewunderung auf sich zieht, Ibn Ruschd und Maimonides stehen dafür. Für Intoleranz stand in jener Zeit eher das Christentum. Dass Menschen mit Berufung auf heilige Schriften zu Schlüssen kommen, die das Leben Anderer und das Zusammenleben gefährden, ist keine Besonderheit des Islam.

 

In einer Zeit, in der Gesellschaften in individuelle Interessen zersplittern, stellt sich die Frage nach dem Zusammenleben auch säkular neu. Welches Interesse kann Menschen miteinander verbinden? Welche Bedeutung haben dabei Werte wie Gerechtigkeit, Rücksichtnahme und Verlässlichkeit? Genügt es, Werte in Rechten und Gesetzen festzuschreiben? Was kann der einzelne Bürger mit seiner „Bürgerlichkeit“ anstelle von Gleichgültigkeit dafür tun, dass ein Zusammenleben zustandekommt? Wie entsteht die Integrität, die unterschiedliche Menschen besser einbeziehen kann als die Identität, die in ihrem Bestreben nach einem gleichbleibenden Zustand (idem im Lateinischen) immer auf den Ausschluss von Anderssein zielen muss, das das Gleichbleiben in Frage stellen könnte? Bleibt noch eine weitere Lebensfrage.

 

4. Wo finden wir Trost?

 

Nicht trostbedürftig zu sein, glauben Menschen nur so lange, bis sie in eine existenzielle Krise geraten und mit Verletzlichkeit, Verlassenheit, Krankheit, Leid und Tod konfrontiert sind. Die Moderne machte ihnen lange weis, dass alles Negative überwindbar sei und dass es dafür nur auf Wissenschaft, Technik und die richtige Politik ankomme, die säkulare Erlösung. Aber trostbedürftig bleibt weiterhin jede Erfahrung von Tragik, von Unabänderlichkeit, die bewusst wird, sobald eine Wirklichkeit besiegelt ist und keine Möglichkeiten mehr offenstehen. Tragisch ist, wenn etwas Ungutes nicht mehr aus der Welt zu schaffen ist. Wenn etwas wehtut, das nicht wieder gutzumachen ist. Wenn eine Enttäuschung zu groß ist, um bewältigt werden zu können. Wenn allenfalls die Verletzung, nicht jedoch die Verletzlichkeit heilbar ist. Tragisch ist vor allem, dass nicht jede Krankheit und nicht jedes Unglück vermeidbar ist.

 

Innerhalb und außerhalb von Religionsgemeinschaften ähneln sich die Antworten auf die Frage nach Trost: Beziehung tröstet, zumindest jede bejahende Beziehung zu Menschen, Wesen und Dingen. Menschen fühlen sich getröstet, wenn sie mit ihrem Schicksal nicht allein sind, sondern Mitgefühl und Beistand erfahren. Tröstlich ist das Wissen, dass da wenigstens ein Anderer ist, dem ich nicht gleichgültig bin, tröstlich ist die Geborgenheit, die bei seinem Anblick fühlbar wird, die Vertrautheit mit ihm, wenn ich ihn ansprechen und berühren darf, und er kann selbstverständlich immer auch sie oder divers sein. Die Ummantelung durch einen Anderen, mit oder ohne Religion, hat nicht etwa nur am Ende des Lebens Sinn, sondern immer dann, wenn ein Ich zur Sorge für sich nicht in der Lage ist, zeitweilig oder dauerhaft.

 

Auch der größtmögliche Trost ist nicht daran gebunden, säkular oder religiös verstanden zu werden. Er ist in der Beziehung zu einer Dimension der Transzendenz erfahrbar. Menschen können sich im Denken und Deuten zumindest die Möglichkeit einer solchen Dimension offenhalten, um sich in äußerster Einsamkeit in „etwas Größerem“ aufgehoben zu fühlen, in einem Allumfassenden, das niemanden allein lässt, da es allgegenwärtig ist. Den übergroßen, geradezu metaphysischen Schmerz, der entsteht, wenn Menschen sich ihrer Sterblichkeit bewusst werden und mit dem Tod konfrontiert sind, kann ein metaphysischer Trost auffangen, der aber nicht unbedingt „jenseits der Natur“ sein muss. Trösten kann das Aufgehobensein in der Geschichte der Menschheit und der Welt, die nicht mit dem Einzelnen zu Ende geht. Trösten kann die Einbettung der irdischen in die kosmische Natur, unabhängig davon, ob ein Gott in ihr wirksam ist oder nicht. Kein Mensch fällt mit seinem Tod aus ihr heraus, unabhängig davon, ob das Leben in irgendeiner Weise weitergeht oder nicht.

 

Fragen nach dem Wesentlichen, nach der Lebensführung, nach dem Zusammenleben und dem Trost stellen sich vielen Menschen. Religionen sollten sich in einer modernen Gesellschaft nicht damit begnügen, nur ihre Antworten zu vertreten. Moderne Menschen wenden sich ab, wenn sie fertige Antworten übernehmen sollen, ohne weiter fragen zu dürfen. Im House of One haben sowohl die gegebenen Antworten als auch die Fragen ihren Platz. Das Wesentliche, unter dem in Religionen mit großer Bestimmtheit „der Eine“ verstanden wird, findet sich repräsentiert in den sakralen Räumen von Judentum, Christentum und Islam, die das neue Haus zur Churchmosquagogue machen, wie es im Englischen genannt wird.

 

Das Wesentliche aber, unter dem nicht nur der Eine, sondern mit großer Unbestimmtheit auch „das Eine“ verstanden wird, ist beheimatet im weiten, offenen Raum in der Mitte, dem vierten Raum. Das ist das Ungewöhnliche an diesem Haus des Einen: Die Nähe von Bestimmtheit und Unbestimmtheit unter einem Dach, offen für alle. Die alte und immer wieder neue Frage nach dem Wesentlichen erhält einen zentralen Platz, den keine Religion für sich beansprucht. In diesem Raum können wieder und wieder die kleinen und großen Fragen gestellt und die möglichen Antworten erörtert werden, die letzten Endes jede und jeder für sich finden muss.


 

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